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Unsere Woche
Prüfstein für die Willkommenskultur

Moers. Die Festnahme eines möglicherweise schwerkriminellen Asylbewerbers aus Moers wirft Fragen auf. Die Antworten müssen vor allem eines sein: ehrlich.

Jetzt ist eingetreten, was den Gesetzen der Statistik und der Logik der Kriminalistik zufolge eigentlich schon lange fällig war: Die Polizei hat einen in Moers registrierten Asylbewerber festgenommen, der vermutlich Kopf einer organisierten Einbrecherbande war. Es ist gut, dass die Polizei nur zwei Tage nach der Festnahme Details ihrer Ermittlungen bekanntgibt.

Fälle wie dieser sind potenziell Wasser auf die Mühlen von Pegida und Co: Unheimliche Gestalten, die hinter den schützenden Mauern von Asylbewerberheimen ihren dunklen Geschäften nachgehen - das ist ein Szenario, bei dem auch dem nicht fremdenfeindlich vorbelasteten Bürger angst und bange werden kann.

Noch schlimmer aber würde es, wenn der Bürger das Gefühl hätte, dass Kriminalität totgeschwiegen wird, nur weil die möglichen Täter einer soziologischen Gruppe von Menschen angehört, die sich zufälligerweise gerade eines besonderen Wohlwollens der Öffentlichkeit erfreut. Deshalb ist es gut, dass über solche Fälle in aller Offenheit berichtet wird. Punkt.

Doch ebenso schlimm wie das mögliche Kleinreden von Kriminalität wäre das Gegenteil: Wer die schwerkriminellen Taten Einzelner Flüchtlingen als solchen zurechnet, die als homogene Gruppe ja gar nicht existiert, will Stimmung machen, die die Atmosphäre in unserem Land vergiftet. Flüchtlinge sind weder gut noch böse. Möglicherweise kommen mit ihnen zukünftige Firmenlenker oder Star-Dirigenten ebenso ins Land wie Kriminelle. Und, um noch einmal die Soziologie zu bemühen: Kriminalität ist auch bei der deutschen Wohnbevölkerung unter jungen Männern am höchsten. Gemessen daran sind die Delikte, die Asylbewerbern angelastet werden, der Zahl nach auffallend unauffällig.

Trotzdem könnte der jetzt aufgedeckte Fall zu einem Prüfstein für die Willkommenskultur werden. Nicht auszuschließen, dass sich der eine oder andere künftig davon abschrecken lässt, der Flüchtlingshilfe seine guten Dienste zur Verfügung zu stellen. Das wäre fatal. Denn gerade dort, wo Flüchtlinge sich nicht selbst überlassen sind, wo Sprachkurse und Kontaktmöglichkeiten angeboten werden, ist die Gefahr, dass sich eine kriminelle Subkultur bildet, gering.

Übrigens: Vielleicht sollten allzu Wohlmeinende auch mal ihre Begrifflichkeit überprüfen. Wer aus dem Balkan zu uns kommt, mag alles Mögliche sein. Er ist vielleicht ein armer Schlucker. Eines ist er aber bestimmt nicht: ein Flüchtling.

Ein schönes Wochenende! juergen.stock@rheinische-post.de

Quelle: RP
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