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Moers
Richard III. - blutig, lustig, abgefahren

Moers: Richard III. - blutig, lustig, abgefahren
FOTO: Schlosstheater/ Jakob Studnar
Moers. Ulrich Greb bringt Shakespeares Drama "Richard III." furios, mit viel Theaterblut und Klamauk auf die Bühne im Schloss Moers. In der Rolle des machtgierigen Protagonisten darf sich Schauspielerin Marissa Möller richtig austoben. Von Anja Katzke

Ulrich Greb legt den Schleudergang ein: Der Intendant des Moerser Schlosstheaters folgt der Blutspur, die Shakespeares "Richard III." auf seinem Weg zum Königsthron hinterlässt, mit der makaber-spielerischen Freude daran, die Grenzen seiner Zuschauer im Schloss auszuloten. Der Regisseur würzt seine Inszenierung der Tragödie, mit der Shakespeare das Ende der Rosenkriege im feudalen England zum Ausgang des Mittelalters beschreibt, mit einer Mixtur aus Klamauk, Nonsens und Splatter, so wie man es aus den amerikanischen Horrorfilmen kennt, in denen das Blut drastisch und in Strömen fließt und spritzt.

Der Schleudergang kommt nicht von ungefähr: Bühnenbildnerin Birgit Angele hat dem Regisseur eine große Industriewaschmaschine auf die Bühne gestellt. Darin lässt Greb die blutüberströmten Mordopfer, die Gloucesters Weg zur Macht pflastern, verschwinden, besser gesagt: einmal gut durchspülen, bis sich das abgepumpte, mit viel Theaterblut gemischte Wasser gurgelnd über die drehbare Bühne in den Zuschauerraum ergießt.

Die Bühne, auf der die Schauspieler des Schlosstheaters wie auf einer schiefen Ebene agieren müssen, ist nicht neu. Sie kam schon zum Spielzeitauftakt in "Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch zum Einsatz. Auch in Shakespeares "Richard III." tut sie ihren Zweck und steht sinnbildlich für eine aus den Angeln gehobenen Welt. Dafür sorgt diesmal Richard selbst. Die Rolle des machtgierigen Königbruders, der raffiniert manipuliert und alle Register zieht, um seine Kontrahenten aus dem Weg zu räumen, ist unter Schauspielern sehr begehrt. In Moers hat sie eine Frau ergattert: Marissa Möller. Sie trägt eine Art Marlene-Hose und Jackett zur wilden Haarmähne. Und sie sorgt in Ulrich Grebs Inszenierung für die schauspielerischen Lichtblicke.

"Wenn ich den Liebhaber nicht geben kann, dann bin ich eben der Bööösewicht", grölt sie mit rauer Kehle in den Zuschauerraum, um dann auf der Klaviatur des fiesen Manipulators zu spielen, der nach Shakespeare eigentlich Hinkebein und Buckel hat. Sie schmeichelt, züngelt, lügt, verführt, überredet, keift und schreit, bis die Halsschlagadern anschwellen - mal verrenkt im Handstand, mal schaukelnd an den Stahlträgern im Schloss. Mit ihr gehen eben die Pferde durch, wie es in der Aufführung in Anlehnung des berühmten Zitats aus "Richard III." ("Ein Pferd, ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd") heißt. Ihr "Richard" ist gleichsam wie eine Studie über einen Psychopathen, die Grenze zum Wahnsinn ist fließend.

Ihre Kollegen Frank Wickermann, Patrick Dollas, Matthias Heße (köstlich, wie er die Kostüme von Michaela Springer mit Leben füllt) und Holger Stolz spielen alle anderen Rollen - von Lady Anne, Buckingham, Clarence und Rivers, König Edward, die Herzogin von York bis Prinz Richard. Holger Stolz ist in Moers kein Unbekannter: Er gehörte bis 2010 dem Schlosstheater-Ensemble an. Damit das Publikum nicht von all den Richards, Heinrichs und Edwards verwirrt ist, gibt ihm das Theater einen Waschzettel mit dem Stammbaum der Häuser York, Lancaster und Tudor an die Hand. Die Verwirrung bleibt am Ende trotzdem.

Ulrich Greb schafft eine Atmosphäre, in der man zwischen Lachen, Schenkelklopfer und Angewidertsein gefangen ist. Er haut einen Kalauer nach dem anderen raus: In einer Mordszene steht das Opfer blutüberströmt immer wieder auf. Und noch ein Stich und noch mehr (Theater-)blut. Hastings wird mit der Kettensäge enthauptet, der Kopf auf der Bühne herumgereicht. Selbst Richards kleines Messer findet stets seinen Weg in irgendeinen Körper. Die Ekelgrenze wird spätestens aber dann erreicht, wenn König Edwards Darmprobleme sich auf der Bühne furzend lösen. Der Regisseur hat außerdem Störfaktoren als irritierende Momente in den "höfischen Waschsalon" eingebaut, die für eine zeitliche Brechung sorgen - zum Beispiel die Kettensäge, ein rotes, sehr schrill klingelndes Telefon, schwarze Sonnenbrillen und Wasserpistolen.

Alles in allem darf man sagen: Dieser "Richard III." ist ganz schön abgefahren. Aber das passt ja gut in die Karnevalszeit.

Quelle: RP
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