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Interview Tim Isfort
"Scheitern ist nicht mein Plan"

Interview Tim Isfort: "Scheitern ist nicht mein Plan"
Tim Isfort besuchte gestern die RP-Lokalredaktion Moers, um von seinen Plänen für das Moers Festival 2017 zu berichten. FOTO: Peters
Moers. Der Musiker und Komponist ist seit gestern Nachmittag künstlerischer Leiter des Moers Festivals. Von Anja Katzke

Herr Isfort, Sie treten das Moers Festival-Erbe in schwerer Zeit an. Was hat Sie gereizt, sich für die künstlerische Leitung zur Verfügung zu stellen?

Tim Isfort Das ist ganz einfach. Ich bin mit dem Moers Festival groß geworden und hatte dort mein musikalisches Erweckungserlebnis. Ich habe, damals noch in der Eishalle, Musiker wie John Zorn, David Moss und Heiner Goebbels erlebt und bin dankbar, dass ich als Teenager dieses Geschenk hatte. Das Moers Festival hat für mich in der Musik alles geöffnet. Wer weiß, welche Musikrichtung ich ohne das Moers Festival eingeschlagen hätte? Ich habe damals, da war ich etwa 16 oder 17 Jahr alt, zum ersten Mal japanische Koto-Spieler gehört. Die Musik habe ich zwar nicht verstanden, es war für mich aber eine wichtige Erfahrung. Die Idee des Festivals war immer, Strömungen in der Musik abzubilden und auf der Suche nach dem Neuen zu sein, ob nun Jazz, Avantgarde, Weltmusik oder Neue Musik.

Als künstlerischer Leiter des Moers Festivals stehen Sie ab heute aber vor ganz anderen Herausforderungen. Was hat Sie veranlasst, Ja zu sagen?

Isfort Ich möchte, dass das Moers Festival die Plattform für unerhörte Musik und unerwartete Kooperationen bleibt - und das auf höchstem Niveau. Ich hätte nie gedacht, dass Reiner Michalke zurücktreten würde. Ich hatte erwartet, dass er trotz der Differenzen weitermachen würde. Das war nicht der Fall, und jetzt herrscht Tabula rasa. Das bietet mir die Möglichkeit, das Festival neu zu denken, neu zu gestalten und manches vielleicht auch auf den Prüfstand zu stellen. Ich habe einfach gesehen, dass das Festival tot ist, wenn es niemand fortführt. Es ist jetzt wichtig, die Botschaft in die Welt zu senden, dass das Moers Festival seinem hohen Anspruch treu bleibt. Dafür hat man mir in Moers breite Unterstützung zugesagt.

Sie haben nur knapp sechs Monate Zeit, um ein Programm für das 45. Festival zu stemmen. Wird Ihnen da nicht ein bisschen mulmig?

Isfort Nein. Das Traumzeit-Festival in Duisburg hatte ich 2008 auch nur mit einem halben Jahr Vorlaufzeit übernommen. Ich bin in verschiedene Richtungen vernetzt und habe Erfahrungen mit anderen Festivals gesammelt. Außerdem haben mir viele Leute schon ihre Hilfe zugesagt. Ich freue mich besonders über den Zuspruch der Leute, die nach den Differenzen das Festival schon totgesagt hatten. Wir werden auf jeden Fall dem hohen Anspruch gerecht werden. Scheitern - das ist nicht mein Plan. Ich habe auch schon eine lange Liste mit Musikern, die ich gerne nach Moers einladen möchte. Sie ist eigentlich jetzt schon endlos lang.

Kennen Sie den neuen Geschäftsführer der Kultur GmbH?

Isfort Ja klar. Und die Voraussetzungen sind wirklich sehr gut. Wir waren beide auf dem Gymnasium Adolfinum, und Claus Arndt ist ein hervorragender Gitarrist. Als ich seinen Namen erfuhr, war ich glücklich. Es ist wichtig, dass künstlerischer Leiter und Geschäftsführer sich verstehen und musikalisch eine Sprache haben. Ich habe mir auch schon ein Team zusammengestellt. Darunter sind Betriebswirte, Journalisten und professionelle Booker. Es haben aber auch Leute aus dem alten Team signalisiert, dass sie wieder einsteigen würden.

Wie könnte Ihre Handschrift aussehen. Haben Sie sich schon Gedanken übers Programm gemacht?

Isfort Geben Sie mir bitte für 2017 noch ein bisschen Zeit. Ich brauche vor allem Ruhe, Unterstützung und Vertrauen, in der kurzen Zeit eine dramaturgische Linie zu entwickeln. Ich suche Künstler, die ihrerseits für die Suche nach dem Neuen und für eine gewisse Haltung stehen. Es geht mir darum, dass Festival im Spannungsfeld von elektronischer, Pop, Alter und Neuer Musik in die heutige Zeit zu übersetzen.

Sie haben drei Jahre lang das Duisburger Traumzeit-Festival geleitet. Geht es vielleicht musikalisch sogar in diese Richtung?

Isfort Nein. Das Moers Festival steht noch eine Ebene drüber und muss die Speerspitze der internationalen Musik bleiben. Beim Traumzeit-Festival hatte ich versucht, den beiden Säulen Jazz und Weltmusik intelligente Popmusik hinzuzufügen, um den Duisburger Landschaftspark und das Festival für eine neue Generation zu öffnen.

Ihr Vorgänger Reiner Michalke hat angeboten, seine Vorarbeiten zur Verfügung zu stellen. Nehmen Sie dieses Angebot an?

Isfort Wenn es passt und machbar ist... Reiner Michalke und ich haben einen guten Draht. Er hat ja ein paar Sachen schon eingestielt.

Wie wollen Sie eigentlich die Moerser wieder ins Festivalboot holen?

Isfort Das Festival für die Moerser wieder erlebbar zu machen, wird eine große Aufgabe sein. Früher haben sie das Festival entweder geliebt oder gehasst. Heute scheint es, als sei es ihnen egal geworden. Und das ist viel schlimmer. Wir wollen daran arbeiten, das Festival auch in der Innenstadt präsenter zu machen. Der Weg aus der Stadt durch den Park zur Festivalhalle muss spannend werden: zum Beispiel mit Angeboten auf der Kulturinsel. Ich werde mit allen, die dafür offen sind, Gespräche führen. Es wäre schön, wenn sich auch Clubs und Kneipen fürs Festival öffnen würden. Vielleicht habe ich als langjähriger Moerser ja doch einen Heimvorteil.

Sie haben gestern Nachmittag einen Drei-Jahres-Vertrag unterschrieben. Reicht diese Perspektive aus, um das Moers Festival langfristig auf die Beine zu stellen?

Isfort Drei bis sechs Jahre reichen auf jeden Fall aus, um eine eigene Handschrift zu zeigen.

Wird es denn zukünftig auch einen Improviser in Residence geben?

Isfort Ja, dieses Projekt soll aufjeden Fall weiter gehen. Die Anträge auf Fördermittel sind schon an die Kunststiftung NRW raus.

Quelle: RP
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