| 00.00 Uhr

Moers
Schicksale jüdischer Kinder

Moers. Es waren die Einzelschicksale, von denen die Dinslakenerin Anne Prior berichtete, die am Mittwochabend 30 Zuhörer im Heinz-Kremers-Haus den Atem stocken ließen. Eingeladen von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und dem Verein Erinnern für die Zukunft, blickte die Buchautorin zum 71. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum Beispiel auf die Familie Rosenduft zurück. Diese verarmte zusehends, nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernommen hatten. Vater Moses Rosenduft, von dem die Autorin ein Foto zeigte, kam 1942 nach Auschwitz, nachdem er einem Arbeitseinsatzbefehl nachgekommen war. "Die Machthaber sagten ihnen, sie sollten zu Arbeiten abtransportiert werden", erklärte Anne Prior. Denn die Fahrt ging direkt ins Konzentrationslager, wo Moses Rosenduft starb. Von Peter Gottschlich

Seine Frau Rosa Rosenduft hatte sich schon in den 30er Jahren von ihm getrennt und lebte in Lüttich. Die gemeinsamen Kinder Kuno und Betty Rosenduft lebten im Israelitischen Waisenhaus in Dinslaken, dessen Geschichte Anne Prior in ihrem neuen Buch "Geben Sie diese Kinder nicht auf! Kindertransporte nach Belgien und die Schicksale der Bewohner des Israelitischen Waisenhauses Dinslaken von 1938 bis 1945" festgehalten hat.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 stürmten SA-Männer dieses Waisenhaus an der Dinslakener Neustraße. Kuno und Betty Rosenduft wurden wie die anderen Kinder, die dort lebten, über die Jüdische Provinzialanstalt für Wohlfahrtspflege in Köln nach Belgien vermittelt, während die Nationalsozialisten das elegant gebaute Waisenhaus übernahmen, um dort die NSDAP-Kreiszentrale des Kreises Dinslaken einzurichten.

Ende 1938 kamen auf ihrer Flucht Kuno und Betty Rosenduft in Mechelen an, wo sie in einem Waisenhaus untergebracht wurden, das durch Spenden aus Deutschland unterhalten werden konnte. "Insgesamt sind 1000 Kinder aus Deutschland in Belgien aufgenommen worden", sagte Prior, während sie ein Bild zeigte, auf dem Kuno und Betty Rosenduft mit anderen Kindern lachen. "Der Transport nach Belgien ist kaum bekannt. Auch in den Niederlanden wurden Kinder aufgenommen. Bekannter sind die Kindertransporte von Polen nach England, weil es 10.000 waren."

Als die deutschen Truppen im Mai 1940 Belgien besetzen, wurde das Waisenhaus aufgelöst. Während die meisten Kinder die Flucht nach Südfrankreich fortsetzen, kamen Kuno und Betty zu ihrer Mutter nach Lüttich, wo sie untertauchten. Allerdings wurde sie bei Razzien zusammen mit Mutter Rosa gefasst. Betty und Rosa Rosenduft wurden in Auschwitz ermordet. Kuno Rosenduft kam ins Konzentrationslager Flossenbürg, das in der Oberpfalz nahe der tschechischen Grenze liegt. Dort versteckte er sich, als es von den Nazis kurz vor Kriegsende geräumt wurde. Er überlebte die NS-Zeit, amerikanische Truppen befreiten Flossenbürg.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Moers: Schicksale jüdischer Kinder


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.