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Moers
Sie bastelt Bomben, er tötet seinen Chef

Moers: Sie bastelt Bomben, er tötet seinen Chef
Andreas (Patrick Dollas) und Gudrun Baader (Marissa Möller) wollen mit Waffengewalt den Kapitalismus retten. FOTO: Schlosstheater/ Helmut Berns
Moers. Mit der letzten Premiere "Fabelhafte Familie Baader" endet am Schlosstheater Moers die aktuelle Spielzeit. Von Sabine Hannemann

Auch das wäre möglich: Andreas Baader und Gudrun Ensslin leben als Ehepaar im Jetzt und Heute. Geboren im magischen Jahr 1968 bringen sie all die karrieristischen Eigenschaften mit, die heute im Business angesagt sind. Motto: Mein Auto und meine Villa direkt am See. Am Spielort Moers durchaus möglich, wenn man das Schloss wegsprengt, so die Pläne vom Ehepaar Baader.

Beide sind auf der Erfolgsspur des Lebens, wünschen sich ein Kind und pflegen ein Konsumverhalten mit Dunstabzugshaube und Dienstwagen. Sie leben "im Schweinesystem" als Leistungsträger, zumindest Andreas. "Die Adresse ist entscheidend", sagt Baader (Patrick Dollas). "Glück ist harte Arbeit. Wir haben es in der Hand."

Ein beruflicher Aufstieg bei dem Unternehmen "Messerschlitz und Söhne" liegt zumindest vor Andreas Baader, während Hausfrau Gudrun (Marissa Möller) studieren will. "Dann ist das eine richtige Karriere", so ihre Feststellung. Das zupackende Groteske nimmt seinen Lauf, denn Gudrun bastelt Bomben, liebt teure Ernesto-Möbel, Elektrokabel und exklusive Gliedmaßen wie Finger. Die gehen auch schon mal verloren. Sie sucht auf allen Vieren in den Publikumsreihen danach. Andreas nimmt seinen beruflichen Aufstieg im Unternehmen in Angriff, bringt dafür den Chef um.

Der Kinderwunsch der Baaders erfüllt sich nicht. Mit der männlichen Sekretärin von Andreas, Herrn Brandau (Matthias Heße), beginnt Gudrun deshalb eine Affäre und verliert sich nebenbei im Alkohol. "Ohne Kinder gehörst du nicht zum Mittelstand", so ihre Feststellung. Allmählich nimmt das Mytheninstrumentarium der Rote-Armee-Fraktion seine Arbeit auf und fordert temporeich Schauspieler wie Zuschauer. Andreas und Gudrun Baader sind nicht mehr Aussteiger, sondern anarchistische Aufsteiger im Schweinesystem. Sie wollen mit Waffengewalt den Kapitalismus retten. Als Kunstgriff erweist sich, dass Autor Carsten Brandau sich mit gleichnamiger Figur in das Stück eingewebt hat.

Weitere Besonderheit des Premiere-Abends: Der Autor sitzt im Publikum und wird später von einem "schönen Theaterabend" sprechen. Die Experimentierfreude der Schauspieler, unter anderem auch die verschiedenen filmischen Elemente, und das Prozesshafte haben es ihm angetan. Marissa Möller zeigt die sensible wie hochexplosive Pfarrerstochter Gudrun Baader, die nicht nur sich und ihre Finger, sondern allmählich ihre Persönlichkeit verliert. Matthias Heße - er führt gleichzeitig Regie - liefert als übergewichtiger Herr Brandau, zugleich Macher und Strippenzieher, schauspielerische Leistung, auch im zu knapp sitzenden Body. Als Carsten Brandau treibt er zum Schluss Andreas Baader in den Wahnsinn und liefert ihm die Tatwaffe, mit der der Firmenchef hingerichtet wird.

Mit der Premiere "Fabelhafte Familie Baader" haben die Ensemblemitglieder eine absurde wie groteske Situation geschaffen. Die Frage "Was wäre passiert, wenn", ist durchaus legitim und gerät zur schrillen Farce. Die Geschichte der RAF wird nicht neu erzählt, sondern in eine verdrehte Welt katapultiert. Im 40. Jahr ist das Schlosstheater seinem Ruf treu geblieben.

Quelle: RP
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