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Serie Mein Engel
"Sie hat mich gelehrt, dass ich etwas kann"

Moers: Serie Mein Engel Teil 6
Moers. Die Kamp-Lintforterin Helga Schlechter-Bonk engagiert sich ehrenamtlich bei der Fazenda da Esperança in Mörmter. Dort hat sie Sebastian K. kennengelernt und ihm wieder auf die Beine geholfen. Dafür ist er ihr sehr dankbar.

Sebastian K.s Geschichte ist geprägt von Leid und Gewalt. Mit sechs Jahren wurde er erstmals dazu gezwungen, Alkohol zu trinken. Wenn er nicht mehr konnte, gab es grausame Strafen. Er musste der Vergewaltigung seiner Mutter zusehen. Dabeistehen, während seinem Kanarienvogel der Kopf umgedreht wurde. Bald entwickelte sich aus dem Zwang eine Sucht. Mit 13 Jahren war Sebastian schwer alkoholabhängig. Mit 16 Jahren verließ er die Schule.

Vorübergehend ging es sogar aufwärts. Sebastian fand eine Ausbildungsstelle zum Koch, wurde von seinem Chef ermutigt und gefördert. Bis dieser, von den Alkoholproblemen des Jungen wissend, irgendwann ein Päckchen Pulver auspackte: Kokain. Sebastian griff zu, wurde fortan wieder von einer Vertrauensperson ausgenutzt und enttäuscht.

Über seine Probleme reden konnte er mit niemanden. Um seine Sucht finanzieren zu können, ging er irgendwann mit älteren Frauen mit. Doch auch die waren nicht an seiner Person interessiert. Stets auf der Suche nach dem Menschen, dem er vertrauen könnte, der ihn so annimmt, wie er ist, geriet Sebastian immer wieder an die falschen Leute. Letztlich sogar an ein paar vermeintliche Freunde, für die er mit Anfang 20 für sechs Jahre ins Gefängnis ging. "Ich hatte mein gesamtes Vertrauen in die Menschen verloren. Ich habe an nichts mehr geglaubt, weder an Gott noch an mich selbst", sagt der heute 31-Jährige über die Zeit, als er nach dem Gefängnis auf die Fazenda da Esperança in Mörmter kam. Seit Dezember letzten Jahres ist Sebastian freiwillig auf dem "Hof der Hoffnung". "Hier habe ich zum ersten Mal erfahren, dass es auch Menschen gibt, die dazu stehen, was sie sagen", erklärt der junge Mann.

Eine von diesen Menschen ist Helga Schlechter-Bonk. Die Kamp-Lintforterin ist seit der ersten Stunde Schriftführerin im Förderverein der Fazenda. Sie unterstützte den "Hof der Hoffnung" bereits bei seinem Aufbau, leistete erste Kontaktaufnahmen und hilft regelmäßig bei diversen Aktionen und Veranstaltungen. Und zwar in ganz Europa. Zuletzt packte sie bei der Gründung einer neuen Fazenda im Emsland mit an, wusch mit 81 Jahren Schränke aus und pflanzte Blumen. "Sie ist organisatorisch wie persönlich eine große Hilfe, und bringt sich unheimlich ein", bemerkt Fazenda-Leiter Christopher Lang anerkennend. Vor allem dank ihrer persönlichen Hinwendung genießt Schlechter-Bonk großes Ansehen bei den Jungs. "Für einige ist sie wie eine Mutter oder Großmutter. Die Jungs kommen nun mal oft aus schwierigen familiären Verhältnissen. Und sie setzt sich mit ihrer weiblichen Energie ein. Sie ist einfach für sie da", erklärt Lang. Schlechter-Bonk hilft den Jungs bei Bewerbungsschreiben, Schuldenerlassen und fährt jedes Jahr an den Feiertagen zum Jahreswechsel - eine schwierige Zeit für die jungen Männer - mit zur Fazenda-Olympiade nach Berlin, wo sie als Jurymitglied den Wettbewerben beiwohnt.

Dabei ist Schlechter-Bonk auch Sebastian aufgefallen. Der 31-Jährige hat bei dem Wettbewerb ein Gedicht vorgetragen, das die Helferin sehr berührte. "Er hat seinen gesamten Schmerz in den Text hineingebracht. Das war sehr beeindruckend", so Schlechter-Bonk. Damals noch ein schwerer Akt für Sebastian. Selbstvertrauen hatte er nicht. Über seine Probleme sprechen konnte er ebenso wenig. "Ich habe immer versucht, meinen Schmerz zu verbergen. Ich wollte niemandem zeigen, wie wüst es in mir aussah", erklärt Sebastian.

Bis zu den Osterfeiertagen. Als die Rekuperanten auf der Frauenfazenda in Hellfeld zu Gast waren, um dort den Kreuzweg Jesu Christi nachzuempfinden, bekam Sebastian den Spiegel vorgehalten, konnte seine Schmerzen nicht mehr ignorieren und litt.

Helga Schlechter-Bonk war für ihn da. Doch statt tröstende Worte zu verlieren, forderte die Kamp-Linforterin den Jungen heraus, half ihm in intensiven Gesprächen, sich seiner Vergangenheit stellen. "Irgendwann tat ich das, was ich zuvor noch nie getan habe. Ich habe einfach gesprochen. Über alles, was mich belastet hat", sagt der junge Mann. "Gerade diese direkte, ehrliche und fordernde Art hat mir dabei geholfen. Von jemanden betüddelt zu werden, bringt mir gar nichts", ergänzt der 31-Jährige.

Seitdem ist der Knoten geplatzt. Sebastian kann endlich über seine Probleme sprechen. Noch nicht mit jedem - Männern gegenüber ist er nach wie vor skeptisch eingestellt - doch langsam, Stück für Stück, gewinnt er wieder Vertrauen zu den Menschen. Ein kreatives Ventil hilft ihm zudem bei der Verarbeitung: Mit immer neuen Rap-Texten und Gedichten bringt Sebastian sein Innenleben und seine Erlebnisse zu Papier.

"Helga lehrte mich, dass ich etwas kann, dass es gesünder ist, über seinen Schmerz zu sprechen, vor allem aber, dass ich - gleich was in der Vergangenheit passiert ist - anderen Menschen helfen kann", sagt Sebastian. Er ergänzt: "Ich habe in meiner Vergangenheit viel erlebt und selbst nicht immer richtig gehandelt. Doch auch anderen geht es ähnlich, und vielleicht kann ihnen meine Geschichte helfen. Diese Botschaft kann sie allerdings nur dann erreichen, wenn ich mich selbst nicht ein Leben lang davor verschließe."

Beate Wyglenda

Quelle: RP
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