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Moers
"Sie lebten als Moerser, Nachbarn und Vereinsmitglieder unter uns"

Moers. 1928 lebten in Moers rund 230 Juden. Wer waren sie? Wo lebten sie? Und wie lebten sie? Diesen Fragen ging jetzt der Mitbegründer der Moerser "Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit" Hans-Helmut Eickschen in einem Vortrag im Rittersaal des Moerser Schlosses nach. Unter dem Titel "Spuren jüdischen Lebens in Moers" referierte er dort anhand von alten Bildern und Dokumenten über das alltägliche Leben der jüdischen Moerser vor 1933 und ihr anschließendes, schreckliches Schicksal während der Nazi-Herrschaft. Von Jutta Langhoff

Sein Vortrag war der erste von fünf Vorträgen, die bis einschließlich März 2018 im Rahmen der derzeit im Grafschafter Museum des Moerser Schlosses gezeigten Ausstellung "Flucht vom Niederrhein - 1933 bis 1945" geplant sind. Wie aber konnte es zu den schrecklichen Judenverfolgungen in Moers kommen? Hatten die jüdischen Familien nicht drei Jahrhunderte lang friedlich mit und neben den Bewohnern der Grafenstadt gelebt? "Ja hatten sie", bestätigte Hans-Helmut Eickschen zu Beginn seines Referates: "Sie waren Deutsche. Sie waren Moerser. Sie waren Nachbarn. Viele hatten alt eingesessene Geschäfte, waren Mitglieder im örtlichen Schützen-, Fußball- oder Tennisverein. Die meisten von ihnen fühlten sich als deutsche Patrioten. Einige hatten sogar im ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft."

Doch mit Hitlers Herrschaft, so erfuhren die rund 50 Besucher an diesem Abend, wurde alles anders. Was zunächst mit kleinen Schikanen wie dem Verbot von Radios begann, ging bald in Boykott-Aufrufe für jüdische Geschäfte, und Enteignungen über und endete schließlich mit Deportation und Tod in den Vernichtungslagern.

Viele, vor allem jüngere Juden waren schon zu Beginn der Schikanen aus Moers geflohen. Meist ins benachbarte Ausland, was sie aber auch nicht immer schützte. Andere versuchten sich erst später - oft vergebens - noch weiter, zum Beispiel in die Vereinigten Staaten von Amerika, nach Südamerika oder wie der 14-jährige Werner Coppel und der 17-jährige Günther Bähr nach Palästina zu retten.

1987 kamen auf Einladung der Christlich-Jüdischen Gesellschaft erstmals einige geflohene Moerser Juden zu Besuch in ihre Heimatstadt zurück. Inzwischen sei dieser Kontakt jedoch wieder eingeschlafen, bedauerte Eickschen, hoffte aber, dass die Ausstellung im Schloss dazu beitragen wird, die Erinnerungen an die einstigen jüdischen Mitbürger wach zu halten.

Quelle: RP
 
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