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Moers
So lernen syrische Mediziner Deutsch

Moers: So lernen syrische Mediziner Deutsch
Professor Dr. Stefan Möhlenkamp demonstriert Flüchtlingen im Schulungsraum der Bethanien-Akademie, wie Ärzte in deutschen Krankenhäusern ein Patientengespräch am Krankenbett führen. Zweite von links Akademieleiterin Andrea Kroekel. FOTO: Banski/Bethanien
Moers. In Zusammenarbeit mit dem Bunten Tisch hat das Moerser Krankenhaus Bethanien ein Pilotprojekt auf die Beine gestellt. In der hauseigenen Akademie lernen Flüchtlinge mit medizinischem Hintergrund Deutsch als Fachsprache. Von Jürgen Stock

In einem Seitentrakt des Krankenhauses Bethanien stehen zwei Krankenbetten, ein Skelett und viele Stühle. Dieser Schulungsraum ist Schauplatz eines ganz besonderen Hilfsprojekts. Hier unterrichtet Andrea Kroekel ehrenamtlich 17 Flüchtlinge in Deutsch als Fachsprache für Mediziner. Die 17 Schülerinnen und Schüler im Raum sind allesamt Flüchtlinge. Der jüngste Teilnehmer ist 16, der älteste 44 Jahre alt. Die meisten kommen aus Syrien, einige aus Aserbaidschan, einer aus Guinea. Sechs von ihnen sind Mediziner, zwei Pharmazeuten, vier Medizinstudenten; fünf haben in Pflegeberufen gearbeitet. So unterschiedlich Herkunft, Schicksale und Fluchtwege sind, eines haben die 17 gemeinsam: Sie müssen in Deutschland ganz von vorn anfangen.

Und das tun sie mit voller Kraft. "Bei vier von meinen Schülern habe ich solche Fortschritte festgestellt, wie ich sie nie zuvor erlebt habe", sagt Akademieleiterin Andrea Kroekel. Und das will einiges heißen. Schon in den 90-er Jahren arbeitete die Germanistin als Dozentin für Deutsch als Fremdsprache. Aus dieser Zeit stammen auch ihre Kontakte zum Bunten Tisch.

Ideale Voraussetzungen also, um eine Idee umzusetzen, die Professor Dr. Stefan Möhlenkamp, Chefarzt für Kardiologie am Bethanien, hatte, als er am 8. Mai, dem Tag des Endes des Zweiten Weltkrieges, im Fernsehen sah, wie ein Schiff der deutschen Marine Flüchtlinge aus dem Mittelmeer fischte. "Damals haben andere Länder uns geholfen. Jetzt müssen wir doch etwas für diese armen Menschen tun", schildert Möhlenkamp seine Gedanken. Kurz darauf stellte er dem Stiftungsrat des Krankenhauses sein Projekt vor. Die Grundidee: Flüchtlingen, die aus Gesundheitsberufen kommen, soll durch frühzeitige Förderung ermöglicht werden, in ihren gelernten Berufen auch in Deutschland wieder Fuß zu fassen. "Zur Integration gehört auch, dass die im Heimatland erworbene Qualifikation auch in Deutschland genutzt werden kann", sagt der Mediziner. Syrische Ärzte sollen in Moers nicht Taxi fahren müssen.

Und dazu gehört zunächst einmal der Spracherwerb. Ausländische Ärzte, die in Deutschland arbeiten wollen, müssen mindestens das Zertifikatsniveau C1 haben. Das heißt: Sie müssen sich in jeder Situation fließend verständigen können. Seit August tut Andrea Kroekel sechs mal pro Woche das Ihrige, damit die Neuankömmlinge, die in der Regel keinerlei Deutsch- und oft auch keine Englischkenntnisse haben, möglichst schnell auf den Weg dorthin gebracht werden. Dabei müssen die Schüler nicht nur Begriffe wie Anti-Thrombose-Strümpfe oder Pneumonie-Prophylaxe, sondern auch die Führung unterschiedlicher Gesprächstypen lernen. Auch motorische Fähigkeiten müssen völlig neu trainiert werden einfach aus dem Grund, weil man im Deutschen von links nach rechts, im Arabischen aber von rechts nach links schreibt. Zudem müssen Menschen aus dem nahen Osten sich darauf einlassen, dass Patienten in Deutschland den Arzt viel näher an ihrem Bett wissen wollen als dies in syrischen Kliniken üblich wäre.

Schon bald sollen die ersten Schüler Ärzte auf ihrem Weg durch die Stationen begleiten. Wenn sie dann besser Deutsch sprechen, so die Hoffnung, könnten sie ja einmal im Bethanien Dolmetscherdienste übernehmen.

Quelle: RP
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