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Moers
Surreale Theaterreise zur Herzkönigin

Moers. Regisseurin Susanne Zaun hat für das Schlosstheater den Kinderbuchklassiker "Alice im Wunderland" bezaubernd in Szene gesetzt. Das Publikum erlebt ein komplexes multimediales Stück, das auf eine Stunde komprimiert ist. Von Anja Katzke

Bäume in Mädchenkleidern blicken von der Leinwand herab, die Grinsekatze kichert unentwegt, hat zwar ein Gesicht, aber keinen Körper, Landschaften ziehen vorüber, in denen man mal ganz groß und dann wieder ganz klein ist. Susanne Zaun schenkt in ihrer Inszenierung der skurrilen Welt, die der britische Autor Lewis Carroll in "Alice im Wunderland" 1865 beschrieben hatte, die Bilder und die Farben - zum Eintauchen in diese fantastische Reise, auf der die Regeln der Logik außer Kraft gesetzt sind.

Mehr als 100 Moerser Schulkinder erlebten gestern diese neue und bezaubernde Inszenierung des Kinderbuchklassikers in der Festivalhalle am Solimare. Und sie waren alle sofort in den Bann des Spiels gezogen, das sich auf der großen Bühne entrollte - wenngleich Susanne Zauns Interpretation der Nonsens-Geschichte viel Aufmerksamkeit erfordert. Sie konfrontiert ihr junges Publikum mit einer doppelten Alice, greift das Motiv des Spiegels aus der Wunderland-Fortsetzung auf und fordert spielerisch auf, sich mit komplexen Identitätsfragen auseinanderzusetzen.

Alice braucht keine Spielkameraden, denn es lässt sich vortrefflich mit sich selbst streiten: Also tun wir so, als ob - und da sind auch schon Alice eins und zwei: Patrick Dollas und Pola Jane O'Mara, das neue Ensemblemitglied am Schlosstheater. Beide tragen blaue Kleider, weiße Strumpfhosen und Hasenohren. Beide begegnen, verlieren und spiegeln sich, fühlen sich im Verlauf des Stücks bald so, als wären sie ein paar Mal vertauscht worden.

Die Spielfreude der Schauspieler überträgt sich schnell aufs Publikum. Im Nu schlüpfen beide in die von Carroll erdachten Figuren wie die Grinsekatze, den verrückten Hutmacher und auch Humpty-Dumpty. Dass Patrick Dollas Kinder als Zuschauer mitreißen kann, hat er in vielen Aufführungen schon bewiesen. In Erinnerung geblieben sind vor allem seine Rollen im Don Quijote sowie im "Fischer und seine Frau". Eine Überraschung ist seine Kollegin Pola Jane O'Mara, die souverän an seiner Seite spielt. Die 23-Jährige ist Abschlussstudentin an der Essener Folkwangschule. Das Publikum kann sich mit ihr identifizieren. Sie ist das Mädchen Alice, ein wenig naiv und eigenwillig, das unerschrocken ins Kaninchenloch fällt und mutig seinen Weg geht.

Regisseurin Susanne Zaun greift tief in die Trickkiste der Illusion, um auf der Theaterbühne die Idee zu vermitteln, aus Zeit und Raum gefallen zu sein. Gegenstände, die zunächst nur als Bilder auf der Leinwand zu sehen sind, tauchen wie durch Zauberei real auf: eine Flasche, Teile eines Pilzes. Mamoru Iriguchi, mit dem Zaun schon in ihren vorangegangenen Inszenierungen am Schlosstheater zusammengearbeitet hatte, hat für die Kulisse nicht nur einen überdimensionalen Stuhl als Requisite geschaffen, sondern ein fast surreal anmutendes Video mit lustigen Zeichentrick-Anleihen und starken Bildern realisiert, das das Spiel unterstreicht, auf eine neue Ebene hievt und eine weitere Erzählperspektive bietet.

Die dritte Perspektive nimmt eine Erzählerin im Off ein, der Theaterpädagogin Maria Filimonov ihre Stimme geliehen hat. Dabei kommt der Humor nicht zu kurz, wenn sich Alice auch mit der Erzählerin streitet. Die Musik wird ebenso dramaturgisch spannend bis hin zum Donnergrollen bei der Erwähnung der Herzkönigin eingesetzt. Regisseurin Susanne Zaun hat ein atmosphärisch dichtes Stück für Kinder inszeniert, das auch Erwachsenen gefallen dürfte. Eingeladen sind Kinder ab sechs Jahren.

Nächste Vorstellung morgen, 22. November, 15 Uhr, Festivalhalle.

Quelle: RP
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