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Moers
Theater beleuchtet den NSU-Prozess

Moers. Das Schlosstheater liest unter dem Titel "Frequenzen" im Peschkenhaus aus Protokollen des aktuellen Verfahrens. Von Jan Caspers

Der Titel bezieht sich auf die Frequenz als physikalische Maßeinheit, die es ermöglicht die Häufigkeit zu messen, mit der ein Ereignis eintritt, um daraus periodische Vorgänge abzuleiten und zu erkennen. Dieses Messverfahren wird besonders in der Elektromechanik und der Akustik angewendet. In der Lesung "Frequenzen I", die am Sonntagabend in der Galerie Peschkenhaus stattfand, sollten allerdings vielmehr gesellschaftliche Bewegungen und Erschütterungen sichtbar gemacht werden, die ebenfalls periodisch ablaufen. Die Veranstaltung widmete sich dem laufenden Prozessverfahren um die zehnjährige Terrorserie des NSU vor dem Münchener Oberlandesgericht, das auch nach 233 Prozesstagen nur sehr schleppend vorankommt.

Zugleich zeigte die Lesung die erschreckende Kontinuität rechtsextremistischer Gewalttaten im wiedervereinigten Deutschland auf und ging auf NSU, Verfassungsschutz und einen gesellschaftlichen und institutionellen Rassismus ein. Die beiden Ensemblemitglieder Patrick Dollas und Frank Wickermann lasen an zwei separaten Tischen sitzend abwechselnd kurze Auszüge aus den Protokollen des NSU-Prozesses vor. So kamen Zeugen, Sachverständige, Angeklagte und Anwälte zu Wort, deren Aussagen belegten, inwieweit der Rechtsradikalismus das gesellschaftliche Leben innerhalb der Bundesrepublik durchzieht. Die Schauspieler zitierten einen der Angeklagten, der auf die Frage nach seiner politischen Einstellung geantwortet habe, er habe keine bestimmte politische Einstellung. Das Schlosstheater trug vor, dass ein V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes zu Protokoll gegeben habe, er habe mit dem Geld, das er vom Verfassungsschutz bekommen habe, den "Thüringer Heimatschutz" unterstützt. Und ein Staatssekretär habe ausgesagt, dass der Verfassungsschutz drei Tage nach der Festnahme von Beate Zschäpe zahlreiche Akten über V-Männer vernichtet habe. Als die beiden Schlosstheater-Schauspieler 30 Minuten lang die Namen und Todesumstände von 178 Menschen vorlasen, die zwischen den Jahren 1990 und 2014 durch rechtsextreme Gewalttaten getötet wurden, kamen einigen Besuchern die Tränen. Die Komponisten Gerhard Stäbler und Kunsu Shim, deren Kompositionen die gesamte Lesung eindrucksvoll begleiteten, rissen währenddessen einer Pflanze, die in der Mitte des Raumes stand, sämtliche Zweige und Blätter aus und verteilten diese auf kleine Blumentöpfe, die sie am Schluss der Veranstaltung an die Besucher weitergaben.

Die nächste Veranstaltung aus der Reihe "Frequenzen" findet am 29. November um 18 Uhr in der Galerie Peschkenhaus statt. Das Ensemble des Moerser Schlosstheaters beschäftigt sich in einer musikalisch-szenischen Lesung dann mit dem Romanfragment "Bilder deiner großen Liebe" des verstorbenen Autors Wolfgang Herrndorf.

Quelle: RP
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