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Europa-Abgeordneter Karl-Heinz Florenz
"Trump gewann ohne Argumente"

Europa-Abgeordneter Karl-Heinz Florenz: "Trump gewann ohne Argumente"
FOTO: Dieker Klaus
Moers. Karl-Heinz Florenz war lange Mitglied der Amerika-Delegation im Europäischen Parlament. Er spricht über Hillary Clintons Fehler, Trumps Stärken und die Zukunft der Beziehung Europas zu den USA.

Wie haben Sie vom Wahlsieg Donald Trumps erfahren?

Karl-Heinz Florenz Ich bin um halb sechs aufgestanden, weil ich zu einer Veranstaltung in Köln musste, und habe mich sofort im Radio und Fernsehen informiert. Ich bin bestimmt kein Trump-Freund. Aber wir sollten nicht den Kopf in den Sand stecken. Das amerikanische Volk hat entschieden und wir müssen uns danach richten. Ich bin sehr enttäuscht über den Wahlausgang, aber es gibt ein altes Sprichwort: Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Ich hoffe, dass dies auch bei Trump zutrifft.

Wie erklären Sie sich seinen Wahlsieg?

Florenz Ich war lange Jahre Mitglied der Delegation für die Beziehungen zu den USA im Europäischen Parlament und kenne die Mentalität der Amerikaner. Sie wägen nicht so strikt ab wie wir Deutschen und Europäer, sondern entscheiden oft aus dem Bauch heraus. In den USA herrscht eine andere Denke als bei uns.

Haben die Amerikaner Trump also "aus dem Bauch heraus" gewählt?

Florenz Ja, aber sie haben auch das politische Establishment abgestraft. Trump hätte nie gewonnen, wenn Clinton nicht eine so unglückliche Figur gemacht hätte. Sie hat das moderne Amerika nicht gut vertreten. Und ihre hohen Nebeneinkünfte haben die Leute gestört. Kongressabgeordnete und Vertreter der amerikanischen Umweltagentur haben mir erzählt, dass Clinton kein Charisma habe. Sie hatte im Wahlkampf die besseren Argumente, aber sie wirkte unglaubwürdig. Deshalb hat mich ihre Niederlage nicht besonders überrascht. Erschreckender ist es natürlich, dass Trump gar keine Argumente hatte, aber gewonnen hat.

Wie wird sich das Verhältnis zwischen den USA und Europa entwickeln?

Florenz Wenn die USA instabiler werden, wovon ich ausgehe, dann muss Europa noch entschlossener auftreten. Wir müssen die Gründe, die uns innerhalb der EU daran hindern gemeinsam aufzutreten, beseitigen und die Geschlossenheit wieder herstellen. Und wir müssen mehr diplomatische Kompetenz erlangen, um Amerika stark entgegenzutreten und die besseren Alternativen aufzeigen zu können. Ich mache mir Sorgen, was aus dem Klimavertrag von Paris wird, der mir sehr am Herzen liegt. Und ich bin beunruhigt wegen der kritischen Aussagen Trumps über die Nato. Amerika wird nicht gleich morgen aus der Nato austreten, aber Europa sollte sich auch in seiner eigenen Verteidigungsstrategie stärker aufstellen. Wir sind in dieser Hinsicht unterentwickelt, schließlich hat Europa fast doppelt so viele Einwohner wie die USA. Ich bin auch besorgt wegen des Verhältnisses zwischen den USA und Russland. Man muss sich das vorstellen: Trump hatte nicht einmal gewusst, dass es die baltischen Staaten oder Georgien gibt.

Was können wir in Deutschland aus diesen Wahlen lernen?

Florenz Wir haben in Amerika einen erschreckenden Wahlkampf erlebt, der von Fakten weitgehend befreit war und nur auf die Gefühle einer verunsicherten Bevölkerung setzte. Trump hat die Leute auf dem Land mitgenommen, Leute die sich abgeschlagen fühlten, und hat ihnen versprochen: Wir kümmern uns um Euch - ohne Lösungen für ihre Probleme aufzuzeigen. Auch in Deutschland wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer. Vor allem im Osten der Bundesrepublik gibt es viele Menschen, die das Gefühl haben, den Anschluss verloren zu haben. Diesen Menschen müssen wir konkrete Hilfen anbieten.

DIE FRAGEN STELLTE JOSEF POGORZALEK

Quelle: RP
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