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Moers/Kamp-Lintfort
Volkssport vom Aussterben bedroht

Moers/Kamp-Lintfort: Volkssport vom Aussterben bedroht
FOTO: Seybert Gerhard
Moers/Kamp-Lintfort. Die Glanzzeiten des Kegelns sind lange vorbei. Die Mitgliederzahlen sinken, das Interesse lässt gerade beim Nachwuchs deutlich nach. Die Auswirkungen des Niedergangs lassen sich auch Moers und Kamp-Lintfort beobachten. Von Marc Latsch

In seiner Blütezeit war Kegeln ein Volkssport, den die Massen ausübten. Überall im Land entstanden Freizeit-Kegelclubs und Sportkegelvereine. Interessierte trafen sich dort nach Feierabend, um "alle Neune" abzuräumen. So auch in Kamp-Lintfort. An der Moerser Straße betreiben dort die Vereinigten Sportkegler seit 1983 ein Zentrum mit acht vollautomatischen Kunststoffbahnen, auf denen in den Anfangsjahren stets Hochbetrieb herrschte.

Diese Zeiten sind lange vorbei, das weiß auch Hans-Jürgen Zimmer, Geschäftsführer der Kamp-Lintforter Sportkegler. "Im Jugendbereich ist kaum noch Nachwuchs zu finden, die Zahlen sind daher generell rückläufig", sagt er auf Anfrage unserer Redaktion. Kegeln sei immer noch als Kneipensport verpönt. Zudem dürften Kinder unter zehn Jahren den Sport in der Regel noch nicht betreiben. "Bis dahin sind die meisten Jugendlichen bereits in anderen Sportarten aktiv und für den Kegelsport ist kein Platz mehr", sagt Zimmer. Ein richtiges Patentrezept hat er allerdings auch nicht parat, denn vieles sei doch dem Zeitgeist geschuldet. "Kegeln ist kein populärer Sport, es ist schwer, etwas zu ändern."

Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Vor etwa 30 Jahren hatten die Kegelvereine in Nordrhein-Westfalen noch 11.000 Mitglieder, heute sind hiervon rund 2500 übrig geblieben - nicht mal ein Viertel. Dazu kommt, dass die meisten von ihnen über 50 Jahre alt sind.

Ein Trend, der sich auch in Kamp-Lintfort abzeichnet. 40 Aktive sind bei den Sportkeglern derzeit gemeldet, 28 von ihnen sind mindestens 50 Jahre, 16 sogar über 60 Jahre alt. Die nicht aktualisierten Daten auf der eigenen Internetseite zeugen vom Niedergang. Dort präsentiert sich der Verein noch mit 62 Keglern, gerade einmal eine Frau und sechs Männer gehörten zur Gruppe der "Senioren B", die bei Frauen mit 54 und bei Männern mit 59 Jahren beginnt. Von einst 40 Sportlern unter 50 Jahren sind hingegen gerade einmal zwölf übrig geblieben. Der Verein ist also nicht nur geschrumpft, sondern auch deutlich gealtert.

Das Problem ist auch den Funktionären längst bekannt. Wilfried Rickert ist Vorsitzender des Westdeutschen Kegel- und Bowlingverbandes und selbst mit 70 Jahren im besten Kegelalter. Als die RP kürzlich über das Kegeln in Nordrhein-Westfalen berichtete, sprach er von einer dramatischen Lage. Auch die Wettkampfstruktur sei ein Problem, trotz einer Verkürzung von 200 Würfen auf 120 dauern diese noch immer etwa drei Stunden. Uwe Oldenburg, Präsident des übergeordneten Deutschen Kegler- und Bowlingsbundes übte zudem Kritik an seinen Sportkameraden. "Der Kegelsport ist in meinen Augen ein wenig zu sehr auf Tradition ausgelegt. Man sollte auch mal ein bisschen an die Zukunft denken." Veränderungsprozesse seien unter den Aktiven jedoch schlecht durchzusetzen.

Nicht nur das Sportkegeln leidet unter Mitgliederschwund, auch die Freizeitkegler werden weniger. Brigitte Krohn kümmert sich seit zehn Jahren mit ihrem Ehemann um die Kegelbahn im Zentrum der evangelischen Kirchengemeinde Moers-Scherpenberg. Sie zeigt sich im Gespräch mit der RP zufrieden, die Stammgäste kämen immer noch. Deutlich negativer analysiert da Jovo Cerovic vom Hotel-Restaurant Bürgerstuben in Moers die Situation. "Wir haben noch Glück, dass einige Clubs hier ihre Stammkegelbahn haben. Ansonsten ist die Nachfrage aber stark zurückgegangen. Es ist nicht mehr wie früher", sagt er.

Das Kegeln scheint in der klassischen Form seinen Zenit überschritten zu haben, da sind sich die meisten Gesprächspartner einig. Die Frage ist nun, ob sich die Kegler mit ihrem Aussterben arrangieren oder eine dringend notwendige Modernisierung in Angriff nehmen.

Quelle: RP
 
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