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Moers
Wandpullover und Minutenskulpturen

Moers: Wandpullover und Minutenskulpturen
Der Künstler Erwin Wurm und sein auffälligstes Werk in der neuen Ausstellung im Lehmbruck-Museum: ein fettes Auto, ebenso komisch wie tragisch in seiner Unbenutzbarkeit und Deformation, zugleich eine monumentale Frage nach dem wirklichen Wesen der Skulptur an sich. FOTO: Andreas Probst
Moers. Erwin Wurm, einer der bedeutendsten Bildhauer der Gegenwart, stellt bis zum 3. September insgesamt 250 Werke im Duisburger Museum Küppersmühle für Moderne Kunst (MKM) und im Lehmbruck-Museum aus. Von Ingo Hoddick

Gesellschaftskritisch und zugleich zugänglich sind die Werke von Erwin Wurm, geboren 1954 in Österreich, zu finden in dem größten Kunstmuseen der Welt wie dem New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) oder dem Frankfurter Städel. Zurzeit repräsentiert er sein Heimatland Österreich auf der 57. Biennale von Venedig - und stellt jetzt auch in Duisburg aus: Im MKM am Innenhafen sind überwiegend Objekte zu sehen, im Lehmbruck-Museum vor allem Skulpturen. Wurm stellt Fragen an die Wirklichkeit und zeigt, wie diese auch anders sein könnte.

Das spektakulärste Werk der Duisburger Schau ist der "Wandpullover". Im MKM, Philosophenweg 55, hat Wurm gut 90 Meter Wand unter leuchtend grünem Strickstoff verschwinden lassen - ein faszinierendes, monumentales Kunstwerk, das es so noch nie gegeben hat. Der Betrachter muss es sich, um es auch nur annähernd zu erfassen, durch fünf Ausstellungsräume hindurch erlaufen, ohne jemals an die Raumwirkung in ihrer Gänze zu gelangen.

Geradezu bescheiden wirken dort dagegen Wurms bekannte "One Minute Sculptures", die den Besucher anhand von knappen Handlungsanweisungen und alltäglichen Requisiten wie Filzstiften, alten Büchern und Küchenschemeln auffordern, selbst für 60 Sekunden zur lebenden Skulptur zu werden. Dabei entsteht eine Art "philosophisches" Kabinett, das auf die Geschichte des Ortes anspielt. Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert saß die erste Universität Duisburg am heutigen Philosophenweg.

Gleich im Hof des MKM empfängt den Besucher ein riesiger signalroter Boxhandschuh, deutlich sichtbar sind Reifenspuren eingekerbt. Da läuft sofort ein im Grunde sinnloses Kopfkino ab, was für ein Kampf da stattgefunden haben könnte. Brutalität gegen Fairness, Mann gegen Fahrzeug, David gegen Goliath, Ideologie gegen Kontra-Ideologie? Da kann keiner gewonnen oder verloren haben.

Aus der großen Glashalle des Lehmbruck-Museums, Düsseldorfer Straße 51, leuchtet uns ein knallrotes Sport-Coupé entgegen, mit dem etwas nicht stimmt. Das Auto ist nämlich hochgradig adipös, der auf Hochglanz polierte Lack wölbt sich über die Fettpolster. Dieses Fahrzeug erfüllt nicht ganz die erwartete Funktion. Für den Straßenverkehr ist es untauglich, als Prestige-Objekt aber auch. Aus dem Gebrauchsgegenstand wurde ein Kunstwerk, über das man schmunzeln muss. Es geht dabei natürlich um viel mehr, vom öffentlichen Umgang mit Fettleibigkeit bis zur Vergänglichkeit von Statussymbolen, letztlich um die Frage nach dem wirklichen Wesen der Skulptur an sich. Das Pendant zu den "One Minute Sculptures" im MKM sind die "Drinking Sculptures" im Lehmbruck-Museum. Die umgebauten Möbelstücke erscheinen zunächst harmlos, in den Barfächern aber ist Alkohol versteckt. Das ist die radikalste Veränderung des eigenen Körpers, zu denen der Künstler die Besucher mit seinen Handlungsanweisungen herausfordert.

Zwei ganz neue Wurm-Werke sind im Lehmbruck-Museum zu finden: "Land der Berge" und "Vaterland". Österreich erscheint hier als Ansammlung 55 kleiner, dunkler Häuflein, in die Müllstücke gepresst sind. Diese werden an drei Wänden um 36 mit Kaffeefarbe gemalte Grafiken ergänzt, welche die geografischen Umrisse das Landes abstrakt und zeichenhaft in dreidimensional wirkende Formen fassen. Ein gewohnt sarkastisches Environment.

Quelle: RP
 
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