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Unsere Woche
Warum wir keine Hetzer dulden

Moers. Noch nie hat ein Beitrag auf unserer Facebook-Seite eine so große Resonanz ausgelöst, wie die Reaktionen auf unsere Reportage über die Ankunft von 195 Flüchtlingen in Moers.

In der vergangenen Woche hat unsere Facebook-Seite einen erstaunlichen Rekord aufgestellt. Die Diskussion über unsere Reportage, die sich mit dem Einzug von 195 Flüchtlingen in die neue Landes-Notunterkunft an der Tannenbergstraße beschäftigte, erreichte weit über 200.000 User. Das entspricht ungefähr der doppelten Einwohnerzahl von Moers.

Sieht man genau hin, stellt man fest, dass nicht die - inzwischen zum Alltag gehörende - Nachricht die meisten Gemüter erregte, sondern die Reaktionen darauf. Wie aus dem Nichts tauchten auf unserer Seite auf einmal Beiträge auf, die abgeschmackter, menschenverachtender und würdeloser nicht sein konnten. Zugegeben: Uns hat die Wucht dieses plötzlichen Angriffs überrascht.

Seit unsere Reporter dabei waren, als im Juli kurz vor Mitternacht die ersten Menschen in die innerhalb von 36 Stunden eingerichtete erste Landesnotunterkunft in der Kapellener Achterrathsfeldschule einzogen, berichtet unsere Redaktion fast täglich über den Strom an Flüchtlingen, der natürlich auch um Moers keinen Bogen macht.

Sofort setzte eine eindrucksvolle Welle der Hilfsbereitschaft ein, aber es meldeten sich auch besorgte Bürger, darunter solche, denen anzumerken war, dass ihnen bei so vielen Fremden muslimischen Glaubens ganz und gar nicht wohl in ihrer Haut war. Doch das waren Stimmen, die ganz einfach Befürchtungen äußerten und Kritik übten an einer Politik, die sie für diese Zustände verantwortlich machen.

Das, was wir in der vergangenen Woche erlebten, hatte indes eine ganz andere Qualität. Da hatten sich offenbar Zeitgenossen zusammengeschlossen, die Schaum vor dem Mund als Legitimation zur Überschreitung zivilisatorischer und strafrechtlicher Grenzen ansahen.

Und es war ziemlich offensichtlich: Da äußerten sich keine Anwohner, denen nur die Sicherungen durchgebracht waren. Das waren Hetzer, die sich von irgendwoher in die Moerser Diskussion eingeschaltet hatten, um hier Stimmung zu machen. Schließlich blieb uns nichts anderes übrig, als den Beitrag und die entsprechenden Kommentare von der Seite zu nehmen.

Aber auch das muss gesagt werden: Wir hatten nicht darauf zu hoffen gewagt, dass die Menschen im Netz so verständnisvoll auf diesen Schritt reagieren würden, der jedem Journalisten extrem schwer fällt. Mit Zensur - und das sehen die weitaus meisten Diskussionsteilnehmer genau so - hat das gar nicht zu tun. Wir fühlen uns sogar verpflichtet, Gewaltandrohungen und Diffamierungen zu verhindern, gerade um das Recht, angstfrei seine Meinung sagen zu können, zu schützen.

Da fällt mir eine Szene während einer Anwohnerinformation über die Flüchtlingssituation in Moers ein. Zum Schluss der Veranstaltung stand ein Mann auf und sagte, dass er es schade fände, dass nichts Kritisches über die Zuwanderungswelle gesagt worden sei. Dann setzte er sich wieder. Inhaltliches war ihm nicht zu entlocken.

Ich habe das bedauert. Vielen Menschen ist doch inzwischen klar, dass die unkontrollierte Zuwanderung, wie wir sie erleben, nicht weitergehen kann. Wer dieser Meinung ist, soll das sagen. Gelegenheit dazu gibt es auf jeder Veranstaltung zu diesem Thema. Aber es führt auch kein Weg an der Einsicht vorbei, dass den Kommunen, außer Hilferufe auszusenden, kaum eine Möglichkeit bleibt, die Politik in Bund und EU zu beeinflussen. Das ist frustrierend, aber kein Grund, Anstandsregeln über Bord zu werfen.

Ein schönes Wochenende! juergen.stock@rheinische-post.de

Quelle: RP
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