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Moers
Wie der Volleyball nach Moers kam

Moers: Wie der Volleyball nach Moers kam
Jürgen Stock heute: weniger Haare, mehr Gewicht. FOTO: Tobias Dupke
Moers. Weißt Du noch? Unsere Autoren, alle vom Niederrhein, erinnern sich an ihre Jugendjahre auf dem platten Land zwischen Duisburg und Emmerich, zwischen Kleve und Moers. Von Jürgen Stock

Ich wollte immer Fußballspielen. Mit sechs habe ich mir das Lesen beigebracht, weil ich die Tabellen verstehen wollte, die mein Opa jeden Montag in der Zeitung las. Aber in einen Fußball-Verein durfte ich nicht. Bei uns in der Familie wurde Handball gespielt. Oder geturnt. Da es im Dorf mit Bauernhöfen und Misthaufen vor der Tür - ja, damals war Asberg noch ein Dorf - keinen Handballverein gab, schickten mich die Eltern zum Turnen. Es war die Hölle, und ich drückte mich, wann immer ich konnte, bis meine Erziehungsberechtigten schließlich ein Einsehen hatten und mich abmeldeten. So wuchs ich als eher unsportliches Kind heran.

Das änderte sich erst, als in der Mittelstufe des Gymnasiums Volleyball im Sportunterricht eingeführt wurde. Ich war inzwischen 15 und hatte gerade den pubertären Wachstumsschub hinter mir. Auf dem Bolzplatz oder in der Schule hatte ich im Fußball inzwischen gegen die Vereinsspieler nichts mehr zu bestellen, aber hier fingen alle bei Null an. Das fand ich ziemlich ok. Irgendwann hatten wir dann an der Schule erst eine AG und dann plötzlich eine Schulmannschaft. Die Trikots mussten wir damals von den Basketballern auftragen.

Warum ich dann beim 1. VV Kamp-Lintfort meine Volleyballkarriere begann, weiß ich nicht mehr genau. Vermutlich dürfte der Umstand eine Rolle gespielt haben, dass meine damalige Freundin - und heutige Ehefrau - in der Damenmannschaft der Lintforter aufschlug.

So richtig ernst nahm ich den Sport zunächst nicht. Damals spielten viele meiner Freunde in irgendwelchen Bands Musik, und meine Freizeit bestand hauptsächlich darin, als "Kulturpräfekt" der Schülermitverwaltung, Konzerte oder Theaterfahrten zu organisieren. Der Sport war da eher ein netter Ausgleich. Trotzdem schaffte unsere Kamp-Lintforter Truppe um Trainer Lothar Cherubim damals auf Anhieblauf Anhieb den Aufstieg. Ich glaube Bezirksklasse oder -liga. Wahrscheinlich würden wir heute gegen jede bessere Mädchenmannschaft verlieren, aber für damalige Verhältnisse waren wir gar nicht soo schlecht.

Zweimal in der Woche wurde trainiert, oder was man so Training nennt. Die Tribünenstufen der Eyller Sporthalle hinauf und hinunter - das war schon der Gipfel an Kraft- und Konditionstraining. Unsere taktischen Varianten beschränkten sich meistens darauf, dass Helmut einen langen Ball auf unseren Längsten, Rainer Plüm, spielte und der das Leder - denn das war es damals noch - irgendwie ins gegnerische Feld drosch. Uwe dagegen hatte nicht diesen Hammer, konnte dafür aber sowohl mit links als auch mit rechts verwandeln, eine Fähigkeit die ich im Laufe meiner späteren Karriere nie wieder angetroffen habe.

Mein eigener Beitrag am sportlichen Erfolg muss eher bescheiden gewesen sein, was vielleicht auch daran lag, dass mein Blickfeld beim Angriff mal durch wallendes Haupthaar, mal durch die Nachwirkungen der vorangegangenen Nacht gelegentlich etwas getrübt war. Jedenfalls kann ich mich an ein Gespräch mit meinem Coach nach der Meisterschaftsfeier erinnern, in dem er zart andeute, dass ich mich erheblich steigern werde müssen, um künftig in der Landesliga mithalten zu können. Dorthin wolle er nämlich mit dem Team, dessen durchschnittliche Körpergröße mit 1,80 Meter für heutige Volleyballverhältnisse eher Miniaturformat hatte.

Obwohl ich mit 1,83 Meter auch nur knapp über dem Schnitt lag, fühlte ich mich zu Höherem berufen. Und das kam so: In meiner Nachbarschaft lag die Geschwister-Scholl-Realschule, auf die mein Bruder ging. Dort gab es zwei Sportlehrer, Manfred Wolf und Heinz Reintges, die die Schule gerade zu einer Westdeutschen Meisterschaft geführt hatten. Mich ließen sie mittrainieren. Die Kids dort waren meist zwei bis drei Jahre jünger und ebenso viele Klassen besser als ich. Aber das war mir egal. Ich hatte Blut geleckt und verabschiedete mich in Kamp-Lintfort, weil ich es als Abiturient inzwischen zeitlich nicht mehr auf die Kette bekam, sowohl in Moers als auch in Kamp-Lintfort zu trainieren. Ein Jahr lang habe ich kaum gespielt, aber viel geübt.

Erst an der Uni hatte ich dann wieder für beides Zeit, stieg mit meiner Mannschaft noch einmal auf und landete irgendwann mit 22 oder 23 in der Regionalliga Nord. Es muss um jene Zeit gewesen sein, als ich einmal in den Semesterferien auf Besuch in Moers war.

Den sportlichen Kontakt zu den Jungs von der Geschwister_Scholl-Schule hatte ich nie ganz abreißen lassen. Daher durfte ich auch wieder als Gast mittrainieren. Erstaunlicherweise war vom einstigen Klassenunterschied nichts mehr zu spüren. Das tägliche Training im Kraftraum der Uni hatte sich offensichtlich ausgezahlt. Vor allem in der Abwehr holte ich inzwischen fast jeden Ball.

Und so kam es, dass eines Tages ein Mann am Spielfeldrand auftauchte, den ich bis dahin nur aus der Fernsehübertragung der Olympischen Spiele von 1964 kannte: Günter Krivec, ehemaliger Weltklassedreispringer, Jaguar-Fahrer und Inhaber der Adler-Apotheke in Moers, plauderte nach dem Training noch ein wenig mit mir und berichtete, dass er vorhabe, die Volleyballabteilung des MTV Moers, der damals noch in der Landesliga spielte, nach vorne zu bringen.

Ich lehnte dankend mit dem Hinweis ab, dass ich in Berlin bereits bei einem Regionalligisten zugesagt habe. Nun, im Nachhinein können sowohl Krivec als auch ich froh sein, dass es damals zu keiner sportlichen Zusammenarbeit kam. Ich hörte nach einer Saison in Berlin mit dem Volleyball auf, weil ich erkennen musste, dass Körpergröße nicht erlernbar ist, und Krivec machte mit seinen Team, zunächst beim MTV und dann mit dem MSC den Durchmarsch bis in die Bundesliga hin zu nationalen und internationalen Titeln.

Meinen alten Stellspieler Helmut habe ich noch einmal in einer Sportarena wiedergetroffen. Bei einem Heimspiel im Stadion von Borussia Mönchengladbach. Auf dem Spielfeld stand da übrigens ein Junge aus unserem Dorf.

Quelle: RP
 
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