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Moers
Wie Sayed in zwei Monaten Deutsch lernt

Moers: Wie Sayed in zwei Monaten Deutsch lernt
Ein beklemmendes Bild: Stundenlang quetschte sich Sayed Ali Shah Jaffari (2.v.l.) in diesen Kofferraum, um nach Deutschland zu kommen. FOTO: Jaffari
Moers. Das Programm "Integration durch Ausbildung, Arbeit und Sprache" des SCI Moers zeigt erste Erfolge. Nach nur zwei Monaten Sprachkurs sind Flüchtlinge schon in der Lage, auf Deutsch über ihre Hoffnungen und Sorgen zu berichten. Von Jürgen Stock

Sayed Ali Shah Jaffari spricht sieben Sprachen. "Zumindest ein wenig", sagt der 29-jährige Afghane, der von vier Monaten in Deutschland ankam. Deutsch spricht er inzwischen mehr als nur "ein wenig". In nur zwei Monaten hat er so viel gelernt, dass er in der Lage ist, über die dramatischen Erlebnisse seiner Flucht auf Deutsch zu berichten. Der Flüchtling ist einer der ersten von insgesamt 16 Teilnehmern des Programms "Integration durch Ausbildung, Arbeit und Sprache" IdAAS, das der SCI Moers gemeinsam mit den Moerser Rotariern, der Stadt und der Handwerkerschaft des Kreises Wesel entwickelt hat. Zu den vielen Förderern zählen unter anderem auch die Volksbank Niederrhein und die Moerser Lions. Gestern hat Tobias Nienaber vom SCI das Projekt erstmals dem Sozialausschuss der Stadt vorgestellt.

16 junge Flüchtlinge erhalten beim SCI täglich vormittags Deutsch-Unterricht durch eine Lehrerin der Volkshochschule. Danach lernt die eine Hälfte der Gruppe in den Werkstätten des SCI handwerkliche Grundtechniken, während die andere in den vergangenen Wochen unter der Obhut von Enni den Grafschafter Rad- und Wanderweg gesäubert und frei geschnitten hat. Diese Gruppe wird den Winter über mit Ausbesserungsarbeiten in den Enni-Werkshallen beschäftigt werden.

Im März 2016 soll dann der zweite Projektabschnitt mit betrieblichen Praktika beginnen, denen sich bei Eignung eine Ausbildung anschließt. Für einen jungen Ghanaer, den Nienaber gestern im Sozialausschuss mit einem Video zu Wort kommen ließ, begann dieser Abschnitt bereits in dieser Woche. Er lernte so schnell Deutsch, dass ihm ein Betrieb ein Vorpraktikum anbot und ihm einen Ausbildungsplatz anbieten will.

"Die Leute sind zu 80 Prozent richtig motiviert", sagt Nienaber im Gespräch mit unserer Zeitung. Da könnten sich manche deutsche Jugendliche, die er auch betreut, eine Scheibe abschneiden.

"Wir sind sehr glücklich, dass man uns so in Deutschland aufgenommen hat", bekräftigt Jaffari. In Afghanistan hat er als Dolmetscher für die Amerikaner gearbeitet, weil er Englisch spricht. "Dadurch war es für mich etwas einfacher Deutsch zu lernen, weil die Sprachen ähnlich sind."

Aber aufgrund seiner Tätigkeit geriet seine Familie auch ins Visier der Taliban. Zwar nahmen ihn die Amerikaner in eine Liste von Personen auf, die für eine Einwanderung in die USA qualifiziert sind, doch zog sich das Verfahren in die Länge. Als er nach einem Jahr immer noch keinen Bescheid von der US-Botschaft hatte, borgte er sich bei seiner Familie 8000 Euro und machte sich auf die Reise in den Westen. Mehrere Monate war er unterwegs, lernte auf der Reise sogar ein wenig Kurdisch und Türkisch. Auf seinem Handy hat er Bilder, die er während der Flucht aufnahm. Eines davon zeigt ihn, zusammengekauert mit vier weiteren Flüchtlingen, im Kofferraum eines Pkw. Das Foto wurde im Iran, kurz vor der türkischen Grenze aufgenommen. Von der Türkei aus gelangte er schließlich per Schlauchboot nach Grienchenland und schlug sich dann bis Deutschland durch. In Moers wartet er auf den Ausgang seines Asylverfahrens und des Aufnahmeantrags für die USA. Sollten beide Anträge genehmigt werden, weiß Jaffari, was er tun würde: "Ich bliebe hier."

Quelle: RP
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