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Unsere Woche
"Wir schaffen das" – irgendwann vielleicht

Moers. Die Euphorie, die in Moers noch vor einem Jahr bei der Ankunft der Flüchtlinge herrschte, ist verflogen. Mit bemerkenswerter Offenheit haben jetzt Betreuer von Flüchtlingen als auch Vertreter aus Politik und Wirtschaft bei einem Treffen in Moers auf eine Reihe von Problemen hingewiesen.

Ganz offensichtlich waren die Erwartungen, die Deutschland an die Qualifikation der Flüchtlinge stellte, weit überzogen. Sicher - das Kriegsgeschehen in Syrien und im Irak hat auch gut ausgebildete Menschen nach Europa gebracht. Das war bei den Armutszuwanderern vom Balkan der 90er-Jahre noch anders. Darunter waren fast keine Hochqualifizierten.

Doch auch bei der jüngsten Flüchtlingswelle ist der Anteil der Menschen, die eine Qualifikation oberhalb des deutschen Hauptschulniveaus haben, gering. Stattdessen gibt es zahlreiche Zuwanderer, denen bildungstechnische Grundlage wie Lesen oder Schreiben erst beigebracht werden müssen. Diesen Menschen fehlen aber nicht nur Fertigkeiten, sie haben auch nie das Lernen gelernt.

Das erschwert es natürlich, sich schnell in eine fremde Sprache einzuarbeiten. Doch ohne gute deutsche Sprachkenntnisse ist auf dem deutschen Arbeitsmarkt kein Blumentopf zu gewinnen. Da nutzt es wenig, wenn einer handwerklich geschickt ist. Wenn er nicht weiß, wie ein Kunde eine Mauer gesetzt haben will, oder er ein Flächeninhalt zu berechnen ist, wird er im Beruf scheitern.

Fünf bis sieben Jahre, schätzt der Geschäftsführer der Duisburger Kreishandwerkerschaft, Frank Bruxmeier, werde die Integration in den Arbeitsmarkt dauern. Aber selbst diese ernüchternde Aussage gilt nur für jene, die bildungswillig und bildungsfähig sind. Viele sind ja nach Deutschland gekommen in der irrigen Annahme, sie könnten hier schnell Geld verdienen. Schließlich warten daheim oft Familienangehörige, die versorgt sein wollen. Verständlich, dass da die Aussicht auf eine dreijährige Ausbildungszeit mit geringem Gehalt für manche nicht allzu verlockend ist.

Umso bewundernswerter, wenn Handwerksbetriebe trotzdem das Abenteuer wagen und Flüchtlinge einstellen. Organisationen wie Bunter Tisch und SCI sorgen in der Regel für eine gewisse Vorauswahl, so dass durchaus Chancen für einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss bestehen. Was aber ist mit den anderen, die weniger gute Voraussetzungen mitbringen? Auch das sind Menschen, um die sich jemand kümmern muss.

Ein schönes Wochenende! juergen.stock@rheinische-post.de

Quelle: RP
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