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Serie "Rheinliebe"
Zur Sommerfrische an den Fluss

Serie "Rheinliebe": Zur Sommerfrische an den Fluss
Wie ein Magnet wirkte die Burgruine auf dem Drachenfels und die sie umgebende Landschaft im 19. Jahrhundert auf englische Reisende. FOTO: Frank Homann
Moers. Als Karibik oder Seychellen noch nicht en vogue waren, erkoren Künstler, Adlige und Industrielle die Landschaft rund um den Drachenfels zur Urlaubsdestination. Der Bahnhof Rolandseck ist ein Zeugnis dieser Beliebtheit. Von Rüdiger Franz

Manchen mag das jetzt wundern, aber: Die Engländer haben den Rhein entdeckt. Dass sich Reisegewohnheiten verändern, ist nichts Neues: Wer sich bis ins 18. Jahrhundert das Reisen leisten konnte, wählte oftmals gleich die ganz große Tour und ließ sich mehrere Jahre lang durch West- und Südeuropa treiben.

Im 19. Jahrhundert konnten dann schon etwas mehr Menschen von sich behaupten: "Ich bin dann mal weg." Juristen, Beamte und Wissenschaftler vergrößerten bald die touristische Klientel, die bis dahin aus Dichtern, Malern und dem Adel bestand. Dafür dauerten die Trips dann auch nicht mehr ganz so lange. Wer als Brite etwas auf sich hielt, fuhr "auf den Kontinent". Und weil gerade die angelsächsischen Gäste kaum etwas mehr faszinierte als Burgen und Ruinen, bot der Rhein für sie die ideale Destination.

Bereits im Juni 1794 hatte die berühmteste englische Schriftstellerin ihrer Zeit, Ann Radcliffe, mit ihrem Mann die Landschaften am Rhein besucht. Vor allem Bonn wurde in ihren Aufzeichnungen in den höchsten Tönen gelobt: Zwar erschienen ihr die Straßen dort als "etwas zu eng", aber im Gegensatz zu dem, was sie in Köln erlebt hatte, sauber und ansprechend. In der typisch britischen Mischung aus Begeisterung und Nüchternheit vermerkte sie, nach der Rheinreise von Mainz nach Köln es sei "das schönste Paradies auf Erden".

Die Engländer als Feingeister mit der Sensorik für die besonderen Dinge? Man mag darüber schmunzeln, doch für die meisten Deutschen war der Rhein zu diesem Zeitpunkt ein reiner Wirtschaftsfaktor (und Bedrohung bei Hochwasser); und die Franzosen sahen ihn bevorzugt als natürliche Grenze an. Schon im ersten Reiseführer in englischer Sprache, erschienen im Jahr 1783, wurde der Rhein als "Seelenlandschaft der Träume" bezeichnet. Kaum waren die napoleonischen Kriege nach Westen über das Rheinland hinweg gezogen, da ging es auch schon los: 1816 konnte in Köln das erste Dampfschiff mit Touristen begrüßt werden. 1827 wurden insgesamt 18.000 Passagiere gezählt, ab 1856 über eine Million, davon die Hälfte aus England.

Unter den ersten britischen Rheinreisenden war 1816 auch der Dichter Lord Byron. Seine Verse, in denen der Drachenfels und das Siebengebirge Hauptrollen zukamen, taten das Ihre und lösten auf der Insel einen "Hype" aus. Die dazugehörigen Bilder lieferte ein anderer: Mit einer enormen Sammlung aus Skizzen und Aquarellen kehrte William Turner nach England zurück. Gern logierte der Maler in Remagen und hielt von Schloss Marienfels aus die Rheinbiegung vom Siebengebirge bis Linz auf der Leinwand fest. An die 1800 Bücher mit Rheinansichten sollen im 19. Jahrhundert in Großbritannien erschienen sein. Auch Komponisten ließen sich vom ruhigen Strom inspirieren. Die Autorin Frances Trollope notierte: "Wie der Bauer den Regen, wie der Fischer die Heringsschwärme, so erwarten die Rheinländer Jahr für Jahr die Ankunft der Reisenden aus England." Und sie kamen ihren Gästen entgegen: Mancher Gastwirt soll dazu übergegangen sein, das Bildnis des Landesherrn durch das der englischen Königin zu ersetzen. Auch der bekannte Werbeslogan "The Queen of Tablewaters", des Mineralwassers aus der Apollinarisquelle nahe Bad Neuenahr, gilt bis heute als Reminiszenz an die englische Königin. Viele Engländer wollten für immer bleiben und kauften sich am Rhein ein Haus. Und auf dem Alten Friedhof in Bonn wurden innerhalb eines halben Jahrhunderts mehr als 80 Grabstätten an Briten verkauft. Bis zu 1000 Mitglieder umfasste im 19. Jahrhundert die "britische Kolonie" in Bonn - bei einer Gesamteinwohnerzahl von 25.000.

Der Bahnhof Rolandseck südlich von Bonn und Bad Godesberg mit seinem prachtvollen Festsaal wurde Mitte des 19. Jahrhunderts eigens für die Wohlhabenden aus Köln und dem Ruhrgebiet gebaut, die von dort aus per Kutsche oder Schiff weiter in die Sommerfrische zu ihren Villen im Mittelrheintal reisten. Otto von Bismarck war im Bahnhof ebenso zu Gast wie die Brüder Grimm, Friedrich Nietzsche, Bernhard Shaw oder Guillaume Apollinaire.

Ach ja, natürlich hat auch die Queen selbst nachgesehen, welcher Magnet ihre Landsleute da in seinen Bann zieht: Im Garten des Schaumburger Hofs in Bonn-Plittersdorf steht bis heute eine steinerne Bank, auf der Königin Victoria ein Jahr vor ihrer Hochzeit 1839 erstmals ihren geliebten Albert von Sachsen-Coburg und Gotha geküsst haben soll. Bereits sechs Jahre später kamen die beiden wieder.

Ein halbes Jahrhundert später fand dann ein weiteres Königshaus Gefallen am Siebengebirge: Am 29. April 1892 wurde Sophie von Schweden erstmals zum Kuraufenthalt in Bad Honnef begrüßt, dem weitere folgen sollten. Weil Bekannte einander auch damals schon gern besuchten, führte dies dazu, dass Bad Honnef regelmäßig zum Tummelplatz des europäischen Hochadels wurde, örtliche Einzelhändler und Handwerker urplötzlich zu inoffiziellen Hoflieferanten aufstiegen und Honnefer Honoratioren stolz königliche Orden am Revers spazieren trugen. Ein wenig stolz ist man in der Stadt am Fuße von Drachenfels und Löwenburg auf die prominenten Gäste bis heute. Einen Kurbetrieb gibt es dort zwar schon lange nicht mehr. Der - im adeligen Glanz - kreierte Beiname "Nizza am Rhein" hält sich jedoch bis heute.

Die Folgen der Serie "Rheinliebe" erscheinen immer dienstags und donnerstags in Ihrem Lokalteil und mittwochs und freitags auf den Seiten Wissen und NRW oder Panorama.

Quelle: RP
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