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Wahlkampf 2017
Zwischen Großstadt und plattem Land

Wahl-Kuriositäten: So darf man den Wahlzettel ausfüllen
Wahl-Kuriositäten: So darf man den Wahlzettel ausfüllen FOTO: NGZ
Moers. Am linken Niederrhein treffen ländliche Strukturen auf dichte Ballungsgebiete. Entsprechend unterschiedlich stehen die Chancen für die Parteien in den drei Wahlkreisen 112, 113 und 114. Von Jürgen Loosen, Sebastian Peters und Jürgen Stock

Krefeld und Moers - das ist eine alte Geschichte. Eigentlich leben die beiden Großstädte am mittleren linken Niederrhein friedlich, aber auch ein wenig gleichgültig nebeneinander her.

Aber alle vier Jahre müssen sich die beiden Städte dann doch miteinander auseinandersetzen, was sie seit den Zeiten Napoleons tunlichst zu vermeiden suchten. Bis da waren nämlich Krefeld und Hüls Teile der Grafschaft, beziehungsweise des späteren Fürstentums Moers. Es dauerte bis zum Jahr 2002, als eine Wahlkreisreform die Innenstadt von Krefeld samt den nördlichen Stadtbezirken mit Moers und Neukirchen-Vluyn zum Wahlkreise Krefeld II - Wesel II bündelte, der heute die Nummer 114 trägt.

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Die Krefelder waren alles andere als glücklich mit dieser Entscheidung. Tatsächlich sollten in den folgenden Jahren weder die Krefelder CDU noch die SPD Grund zur Zufriedenheit haben. Die CDU nicht, weil sie kein einziges Mal in den folgenden Jahren den Wahlkreis direkt holen konnte, die SPD nicht, weil ihre Leute nie eine Chance hatten, sich gegen den starken Moerser Sozialdemokraten Siegmund Ehrmann durchzusetzen, der den Wahlkreis viermal in Folge holte.

Doch in diesem Jahr werden die Karten neu gemischt. Ehrmann tritt nicht mehr an, und die Moerser Genossen konnten sich nicht auf einen eigenen Kandidaten einigen, so dass alle drei Ortsverbände schließlich die Neukirchen-Vluynerin Elke Buttkereit aufs Schild hoben. Damit setzte die SPD auf eine Kandidatin, die in Krefeld überhaupt keinen und in Moers nur sehr bescheidenen Bekanntheitsgrad genoss.

Wenn die SPD das nicht im Wahlkampf ändert, könnte das die große Chance für die Krefelderin Kerstin Radomski sein, die vor vier Jahren über die Landesliste in den Bundestag einzog. Sie könnte von einem Strukturwandel profitieren, der sich besonders in Moers und in Neukirchen-Vluyn auch in Wahlergebnissen niederschlägt. Der Bergbau ist in beiden Städten inzwischen seit langem Geschichte, und auch die mentalen Prägungen, die er hinterlassen hat, werden immer schwächer. Entsprechend konnte die CDU bei Kommunal- und Landtagswahlen in beiden Kommunen gut performen. In Krefeld haben es die Christdemokraten traditionell ohnehin leichter als im eher roten Moers. Allerdings könnte die großstädtische Struktur in weiten Teilen der nördlichen Krefelder Innenstadt auch einer SPD-Kandidatin eine gute Operationsbasis bieten.

Schon 2013 war Radomski bei der Wahl Ehrmann sehr nahegekommen. Es wäre keine Sensation, wenn sie es in diesem Jahr schaffen würde, an ihrer Konkurrentin vorbeizuziehen. Aber gleich, wer von den beiden gewinnt: Eines steht jetzt schon fest. In den kommenden vier Jahren wird erstmals seit Gründung des Bundestags kein Moerser im Parlament sitzen.

Insgesamt leben 241.800 Menschen im Wahlbezirk. 107 200 davon in Moers, 106 800 in Krefeld und 27 800 in Neukirchen-Vluyn .,2 Prozent im Wahlkreis 114. FolgendeKandidaten sind aufgestellt: Kerstin Radomski aus Krefeld (CDU), Elke Buttkereit aus Neukirchen-Vluyn (SPD), Ulle Schauws aus Krefeld (Grünen), Florian Philipp Ott aus Krefeld (FDP), Manfred Büddemann aus Krefeld (Die Linke), Peter Müller aus Kempen (AfD), Jochen Lobnig aus Neukirchen-Vluyn (Piraten), Richard Jörg Jansen aus Krefeld (Die Partei) und Elisabeth Wannenmacher aus Neukirchen-Vluyn (MLPD).

Wahlkreis 113 Im nördlichen Wahlkreis Wesel I mit rund 207 350 Wahlberechtigten gibt es eine sehr heterogene kommunale Struktur: Klassische SPD-Städte wie Wesel und Kamp-Lintfort findet man hier ebenso wie die CDU-Hochburgen Xanten oder Sonsbeck.

Die Situation ist paradox: Viele Jahre hatte die SPD - teilweise in anderem Wahlkreiszuschnitt - ein Abo auf Wesel I. Die SPD-Abgeordneten Uwe Jens und Hans-Ulrich Krüger holten diesen Wahlkreis mit großer Regelmäßigkeit. Den Christdemokraten blieb nur der Platz auf dem Treppchen. Mit dem Überraschungssieg der früheren Dinslakener Bürgermeisterin Sabine Weiss gelang der CDU dann 2009 ein echter Coup. Bei den Wahlen 2013 baute Weiss den Vorsprung sogar noch aus, kam auf 43,5 Prozent der Stimmen. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU im Bundestag ist über die Liste ihrer Partei abgesichert, darf also mit der Gewissheit antreten, erneut den Einzug ins Parlament zu schaffen. Sabine Weiss hat aber den Ehrgeiz, den Wahlkreis direkt zu holen.

Ihr SPD-Herausforderer stammt aus Kamp-Lintfort: Jürgen Preuß ist im Kreistag und im Rat der einstigen Zechenstadt vertreten, hat als Herausforderer in den östlichen Kommunen des Wahlkreises wie Hünxe und Schermbeck kaum einen Namen.

Obwohl Wesel I klassisch rot gefärbt war: Ein erneuter Wechsel scheint unwahrscheinlich. Bei der Wahl 2013 holte die CDU 39,3 Prozent der Zweitstimmen - starke 6,2 Prozentpunkte mehr als 2009. Die SPD mit dem Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier kam im Wahlkreis Wesel I auf 34,9 Prozent. Sie legte gegenüber den Wahlen im Jahr 2009 um 2,7 Prozent zu.

Wahlkreis 112 Im Kreis Kleve tritt mit Barbara Hendricks für die SPD eine Politikerin an, die derzeit als Bundesministerin für Umwelt präsenter ist als je während ihrer politischen Laufbahn. Die 65-Jährige aus Kleve tritt an gegen den 38-jährigen Stefan Rouenhoff (CDU), jung, modern und unverbraucht, der fast als Seiteneinsteiger vom Handelsattaché der Bundesregierung in Brüssel zum CDU-Direktkandidaten aufgestiegen ist. Das Ziel des unermüdlich Klinken putzenden Gochers kann es nur sein, die große Schar der Stammwähler von den Sofas in die 256 Wahllokale des Kreises zu locken - immerhin hat er nach dem Ergebnis 2013 satte 17,83 Prozentpunkte Vorsprung.

Im Windschatten der beiden Protagonisten segeln mit Bruno Jöbkes (Grüne), Ralf Klapdor (FDP), Ferdinand Niemann (Die Linke), Gerd Plorin (AfD), Stephan Heintze (Freie Wähler) und Einzelbewerber Willi Bovenkerk sechs weitere Direktkandidaten - 23 Parteien stehen zudem auf dem (landesweiten) Wahlzettel, darunter Exoten wie die Partei für Gesundheitsforschung oder die Partei der Humanisten.

Quelle: RP
 
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