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Nettetal
Als Venlo einst belgisch war

Nettetal. Die Heimatfreunde beschäftigten sich mit dem Jahrzehnt im frühen 19. Jahrhundert, als Leuth an der belgischen Grenze lag. Die Nachbarstadt Venlo war am 11. November 1830 von Truppen aus Brüssel erobert worden Von Manfred Meis

Als sich die Trauergemeinde am Donnerstag, 11. November 1830, auf dem Friedhof an der kleinen Pfarrkirche St. Lambertus versammelte, um den drei Tage zuvor verstorbenen Ackerer Andreas Joseph Bontenakels zu beerdigen, erscholl von Westen her heftiger Kanonendonner. Der belgische General Daine versetzte die Bewohner der Stadt Venlo mit einem "mörderischen Feuer" in Angst und Schrecken. "Der Donner war so heftig, dass zu Leuth die Erde davon erbebte", schrieben 50 Jahre später Leopold Henrichs und Johann Finken in ihrer "Geschichte der Herrlichkeit Leuth". Sie notierten zusätzlich, dass der "Sarg während der Einsegnung in der Gruft mehrmals in Bewegung" geriet.

Warum das Corps des belgischen Generals, bestehend aus "einem Bataillon Infanterie, anderthalb Batterie Brüsseler Artillerie und verschiedenen Compagnien Freiwilliger, gen Venlo gezogen war, legte der Journalist und gebürtige Leuther Ludger Peters beim Verein der Heimatfreunde dar: "Als Venlo zu Belgien gehörte". Er holte dabei weit aus, um die häufigen Wechsel staatlicher Zugehörigkeit von Städten und Gemeinden in dieser Region deutlich zu machen. Über Jahrhunderte gehörten Venlo, Leuth, Hinsbeck, Lobberich, Grefrath, Herongen, Wankum und Viersen zum Amt Krickenbeck. Dabei hatten Venlo und Viersen eine besondere Stellung mit einem eigenen Amtmann an der Verwaltungsspitze. Alle gehörten zum südlichen Teil des Herzogtums Geldern, dem Oberquartier.

Als mit dem Frieden von Utrecht 1713 das Oberquartier neu aufgeteilt wurde, kam das Amt Krickenbeck zu Preußen, Venlo wurde "staatisch", also Mitglied der Generalstaaten im Norden der Niederlande. Hundert Jahre später gab es dann nach dem Wiener Kongress - er war die Folge der napoleonischen Zeit - 1815 das Königreich der Niederlande. Die neue Grenze zu Preußen bildete eine Linie, die "einen Kanonenschuss weit von der Maas" festgelegt wurde. Da liegt sie heute noch.

Doch im neuen Königreich gärte es: Die südlichen - katholischen - Provinzen fühlten sich vom protestantischen Norden vernachlässigt. Im Juli 1830 kam es zur Belgischen Revolution und etwas später zur Ausrufung der Unabhängigkeit. Sie wurde erst neun Jahre später vom niederländischen König bestätigt.

Während dieser Zeit versuchte, wie Peters eingehend schilderte, der neue Bürgermeister Karel Bontamps, ein liberaler Unternehmer, die Stadt Venlo wieder auf die Beine zu bringen. Ihre Finanzen waren zerrüttet, der Handel florierte nicht, das Land stand teilweise gar unter Wasser. Nach fünf Jahren sah es nur wenig besser aus, zunehmend zerrieb sich der Bürgermeister im ideologischen Kleinkampf mit dem katholischen Stadtdechanten Schrijnen, der gegen Liberalismus und zunehmend antiklerikale Freimaurer manchmal auch mit unfeinen Mitteln kämpfte.

1838 eroberten die Katholiken wieder die Mehrheit im Stadtrat, die Unternehmer verloren an Einfluss. "Die Bürger waren ernüchtert, sie hatten sich mehr versprochen", zog Peters Bilanz. Die Folge: Venlo wollte nicht bei den Belgiern bleiben, als 1839 ein Schlussstrich gezogen wurde. So kam es auch; selbst Maastricht wurde den Niederlanden zugeordnet, obwohl die Bevölkerung sich Belgien verbunden fühlte.

Wie hat sich die "belgische Grenze" auf das Leben der Menschen hier ausgewirkt? "Sie haben sicherlich weiter geschmuggelt", vermutet Peters. Damit könnte er Recht haben. Denn als die Belgier am 10. November 1830 die Belagerung Venlos begannen, wurden auch "einige Leuther, welche des Schmuggels halber sich gerade in der Stadt befanden", zur Verteidigung herangezogen. Sie konnten sich abends mit den Gewehren aus dem Staube machen. "Diese Waffen werden noch jetzt zu Leuth zur Erinnerung" an die Venlo-Belagerung aufbewahrt, haben Henrichs/Finken festgehalten. Sie verschwanden wohl später aus ihrer Obhut. Die Preußen waren damals wohl etwas beunruhigt und stellten ein Observationscorps aus Soldaten des 8. Husarenregiments auf, das längere Zeit in Leuth die Grenze bewachte.

Er habe wohl "jeden Keller in Venlo nach Dokumenten durchsucht", meinte Heimatfreunde-Vorsitzender Johannes Wolters angesichts der Datenfülle und Detailinformationen anerkennend zu Peters, dessen Vater Ernst vor rund 60 Jahren die Tischrunde der Heimatfreunde Leuth mitbegründet hatte. Daraus wurde in den 1960er-Jahren ein eigenständiger Verein.

Quelle: RP
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