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Nettetal
Alte Fabrik: spektakuläres Festival lebendiger Kunst

Nettetal. Die Vernissage lockte enorm viele Besucher an, die sich durch eine Fülle von Exponaten regelrecht hindurcharbeiteten. Von Joachim Burghardt

Viele hundert Füße treten und trampeln, bedrohlich nah, stocken, steigen drüber über die kleine Blume im Beton: Zart und zierlich, zerbrechlich, ja schwächlich wirkt sie, die Gerbera inmitten der großen modernen Skulpturen ringsum, die teils die Menschen zwischen all den Kunstwerken überragen. Von solchen Gegensätzen lebt die Jubiläumsausstellung 20 Jahre Alte Fabrik. Die Vernissage bleibt in Erinnerung als spektakuläres Festival lebendiger Kunst.

"Die Alte Fabrik hat eine gute Energie", umschreibt Initiatorin Nicole Terstappen in ihrer Begrüßung, was die Faszination des riesigen alten Gebäudes als Kunsttempel ausmacht. Die zahlreichen Besucher lassen sich treiben durch die Weiten der Hallen und Säle, anlocken von der Tiefe der Gänge, packen von der Enge der Nischen und Nebenräume. Saugen die Wirkung der Werke auf, die, jedes für sich, gemeinsam eine phänomenale Schau bilden.

So passen die skurrilen Skulpturen und bunten Bilder des Venloers Eric Toebosch ebenso wunderbar in ein ägyptisches Museum wie in ein Raumschiff. Und dann, welch ein Kontrast, die wahnsinnigen Werke des Raffaele Horstmann im Raum dahinter. Blass und bleich mit Tüchern verhüllt sind die Wände, karg und kalt die Gänge aus Drahtgitter, durch die sich Wogen wabernder Klänge treiben, keuchend und seufzend, bedrohlich und besänftigend, verlockend und verstörend wie die magischen Menschenbilder in der hohen hellen Höhlenmitte: Die Frau, deren Kopf aus einem Grab von Tüchern schaut, schön und schnittmusterhaft das Gesicht, bannt den Blick. Die Fotokunst macht den Kölner Fotografen zur Entdeckung, zum heimlichen Star der Ausstellung.

Dabei sind die rund 1000 Objekte und Bilder alle einzigartig und einmalig. Die Zeit-Linien etwa von Sigi Nootz, die durch den schier endlosen Gang zur nächsten Halle leiten, in der der Betrachter auf Wort-Pfaden von Richart wandelt, bevor ein Blickfang wie ein Magnet anzieht: geisterhaft-genial ist die Gestalt "Marlene Dietrich" von Helmut Lücker, gleichsam ein Kettenhemd-Torso - anschauen, hineinschauen, hindurchschauen!

Überall gibt es Begegnungen und Gespräche, Künstler mit Besuchern, Besucher untereinander, die alle applaudieren, als der Bürgermeister lobt, das Projekt Alte Fabrik "sucht im Bereich Kunst in Nettetal seinesgleichen". Kreativität, so Christian Wagner weiter, habe hier durch private Initiative einen Raum gefunden, auch für Kinder und Jugendliche.

Ja, junge Kunstschaffende stellen bei dieser Gelegenheit ebenfalls aus, so gleich 50 Schüler der Gesamtschule. Dazu kommt eine spektakuläre nächtliche Illumination, Swing im Sinatra-Sound. Dazu immer wieder Überraschungen in fast verborgenen Räumen neben den Hallen, Installationen mit Licht, natürlich-figürliche Objekte, Performance par excellence.

Und urbanes Nachtleben und Tiere als Fotoschau, zu der ein wilder Wels gehört und ein magisches Muster aus Blaualgen: Klaus van der Weyer zeigt die verblüffende Vielfalt des Lebens unter Wasser - Naturkunst zum Anfassen mit Tauchhandschuhen und Unterwasserkamera. Natur als Kunst oder Kunst als Natur nimmt Gestalt an, blüht auf - wie die kleine Gerbera, die in der großen Halle zwischen hunderten Füßen ihre Blüte dem Licht an der Hallendecke entgegenstreckt.

Quelle: RP
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