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Nettetal
Am Stein das Leben ertasten

Nettetal: Am Stein das Leben ertasten
Christof Cirotzki-Christ liebt die Skulpturen und Steine des geologischen Lehrpfades in der Ginkesweide - gleich hinter dem Beekhof. FOTO: Burghardt
Nettetal. Der Hinsbecker Christof Cirotzki-Christ leitet Männer an, eine neue Lebensgestaltung zu wagen. Seine Kreativ-Seminare und Männerschreibtische finden im Beekhof in Hinsbeck und im Kloster Kamp statt. Von Joachim Burghardt

Ein Stein. Nur ein großer, schwerer, rauer Stein, uralt, kalt. Er ist behauen, zusammengestellt mit anderen Steinen zu einer Skulptur, aber eben Gestein, mehr nicht. Doch legt ein Mann seine Hände auf die Oberfläche, tastet mit den Fingerkuppen die Rillen und Ritzen ab, als nehme er Kontakt auf zum vermeintlich leblosen Element. "Für mich hat so ein Stein eine Ausstrahlung, er zeugt von Leben, er kann etwas in dir bewirken", sagt Christof Cirotzki-Christ und lächelt. Solche Erfahrung, sich in Beziehung zu setzen zu Dingen und damit zu sich selbst, die vermittelt er auch anderen. Männern vor allem. Ausgangspunkt dafür ist sein Seminarhaus in Hinsbeck - der historische Beekhof.

"Mann definiert sich heute neu", hat Cirotzki-Christ festgestellt und meint das nicht nur gesellschaftspolitisch: Die eigene Rolle in Partnerschaft, Familie, Beruf unreflektiert auszufüllen, das führe bei so manchem Mann oft irgendwann zu Frust oder dem Wunsch, auszubrechen. Cirotzki-Christ: "Sich so etwas selbst einzugestehen oder gar mit einer Frau darüber zu sprechen, damit tun sich viele Männer schwer." Wie sehr, das erlebt der Pädagoge immer wieder bei den Teilnehmern seiner Seminare, etwa den Männerschreibtischen.

"Sich frei schreiben" ist die Maxime in solch einer Kreativ-Werkstatt: Mit kleinen Ritualen und stichwortartigen Themenvorgaben animiert Cirotzki-Christ beispielsweise die Männer am Tisch, Gedanken zu Papier zu bringen, sich darüber auszutauschen. Ob Ältere oder Jüngere, Firmenchef oder Beamter - den meisten gelinge es, "aus der Tiefe des Unbewussten sich frei auszudrücken, gar Konsequenzen zu ziehen für eine neue Lebensgestaltung", erzählt der Pädagoge. Offensichtlich trauen sich Männer untereinander und in seinem Beisein etwas zu, weil sie ihm vertrauen.

Dabei betont der 58-Jährige immer wieder, er sei "kein Therapeut". Was ist der promovierte Philologe, der aus Danzig stammt, denn dann? In Krefeld arbeitete er als philosophischer Lebensberater und als Restaurator, in Frankreich gründete er eine Akademie, und in Hinsbeck erwarb und restaurierte er vor einigen Jahren schließlich den Beekhof.

Der ist eine dörfliche Hofanlage aus dem 18. Jahrhundert. Hier können sich Literaten zum Schreiben zurückziehen, hier begleitet er Jugendliche mit Lern- und Konzentrationsschwächen, von hier aus startet er die beliebten "Vater-Kind-Samstage". Neben aller Kompetenz und Erfahrung mag seine Ausstrahlung eine Rolle spielen: Kräftig ist der Mann, und doch hat er etwas Sanftes an sich. Kantig das Gesicht, aber weich und leise sein Lächeln, ruhig die Stimme, fröhlich die hellen Augen mit einem Hauch von Melancholie - schwere Schicksalsschläge in der Familie haben Spuren hinterlassen, ihn umtriebig gemacht: "Ich suche ständig nach Orten, die mir Ruhe geben, an denen ich Kraft tanken kann."

Solch ein Ort kann ein Ufer sein, ein Baum oder ein Stein. Was esoterisch klingt, hat eher mit Spiritualität zu tun: "Im Kloster Kamp spüre ich, das ist ein guter Ort", erzählt er. Deshalb bietet er seine Männerschreibtische im "Geistlichen und Kulturellen Zentrum" des Klosters an. Zentrum seines Wirkens bleibt der Beekhof: "Ich binde immer die Natur ringsum und den Skulpturenpark ein", erläutert Cirotzki-Christ.

So führt er Männer und Väter zu Steinen und Skulpturen auf der Ginkesweide: "Manch einer steht still neben einer Skulptur, ein anderer betastet einen Stein, aber jeder wird dabei immer irgendwie nachdenklich." Allein die Vorstellung, dass ein Basaltlava-Stein vor über 200.000 Jahren entstand, lasse einen Menschen ehrfürchtig werden. Cirotzki-Christ lächelt und sagt: "Und wenn du genau hinschaust, siehst du auf dem Stein Moose und Flechten, da wächst etwas Lebendiges." Mehr also als nur ein Stein.

Quelle: RP
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