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Nettetal
Auf den Geheimpfaden der Schmuggler

Nettetal: Auf den Geheimpfaden der Schmuggler
In seinem Buch "Gruß aus Kaldenkirchen - Grenz-Stadt-Spuren" (Band I), hat Gregor Herter 1987 zahlreiche Postkarten aus der Sammlung Paul Moors veröffentlicht. FOTO: siehe Bildtext
Nettetal. Um Schleichhandel und Abgabenhinterziehung in Kaldenkirchen ranken sich oft tolle Geschichten. Doch haben viele Menschen in der Vergangenheit aus purer Not geschmuggelt, um Geld zum Leben zu verdienen Von Manfred Meis

Lustig war das Schmugglerleben - faria-faria-ho! Diesen Eindruck gewinnt, wer sich das gute Dutzend Postkarten anschaut, die der Kaldenkirchener Verleger Peter Breit zwischen 1914 und 1923 herausgegeben hat. Da stehen am Grenzübergang Heidenend-Tegelen - noch auf niederländischem Boden vor dem Grenzübertritt - drei fröhliche Zecher mit Flaschen am Mund: "Ach, das ist doch gar zu toll / Alles dieses kostet Zoll? / Drum herein nur in den Magen / Wird man's zollfrei dürfen tragen." Frauen erscheinen auf den Bildern von der Grenze grundsätzlich als korpulent - denn sie haben immer viel untergepackt.

So lustig war das Schmugglerleben keineswegs. Schon im 19. Jahrhundert wurde der "Schleichhandel", wie man ihn damals nannte, oft aus der Not geboren. Es gab kaum andere Arbeit. Er blühte nach dem Erlass des preußischen Zollgesetzes 1818 und nach der Einigung im preußischen Zollverein regelrecht auf. Vor allem Tabak, Kaffee und Kakao waren wegen der niedrigeren Steuer in Holland preiswert zu bekommen und bis ins Ruhrgebiet gut abzusetzen. Schon 1820 hat der Oberpräsident der Rheinprovinz, Graf Solms-Laubach, die Zahl der Schmuggler im Raum Kaldenkirchen auf rund 2000 beziffert.

Der Schmuggel schädigte nicht nur den heimischen Handel, sondern warf auch viele Menschen aus einer ordentlichen Lebensbahn. Deshalb gründete sich 1843 in Breyell ein "Verein zur Unterdrückung des Schleichhandels an der niederländischen Grenze". Er sah als vordringliches Ziel, "der ärmeren Classe und besonders jungen Leuten Gelegenheit zur Arbeit und rechtlichem Brodterwerb zu verschaffen". Das führte zur Gründung einer Weberschule, Fortbildungskursen und Existenzgründungsdarlehen - das, was heute noch als der richtige Weg in ein ordentliches Erwerbsleben angesehen wird.

Die Postkartenserie spiegelt eine Zeit wider, in der das Schmuggeln durch Banden während und nach dem Ersten Weltkrieg einen neuen Höhepunkt erreichte. Zwar ließ der Zoll im Bahnhof Kaldenkirchen zur Revision alle aussteigen und sich in einem Saal die Waren im Gepäck zeigen, doch war hier nicht viel zu finden. "Ganze Trupps Männer, Weiber, halbwüchsige Burschen und Mädchen sowie Kinder" sah der Polizei-Sergeant Riether 1917 "im Dunkel der Nacht zusammen über die Grenze gehen". Beim gemeinschaftlichen Schutz-Suchen vor Zollbeamten in Dachziegelfabriken, Scheunen und Strohschobern liege "die Unzucht sehr nahe". Auch wisse er davon, dass sich geschnappte Frauen und Mädchen durch Sex wieder freizukaufen versuchten. In diesem zur Kriegszeit verfassten Bericht taucht auch der Hinweis auf, dass "sehr viele Personen hier an der Grenze erschossen und angeschossen" wurden.

Das kam auch im 19. Jahrhundert häufiger vor, wie in Akten in Kaldenkirchen und Hinsbeck vermerkt ist. Im Zusammenhang mit der Märzrevolution 1848 ging sogar Militär gegen die bewaffneten Schmuggler vor. Nach dem Ersten Weltkrieg mussten die Zollbeamten aber eher zupacken als mit der Waffe zu drohen, weil sie wegen der belgischen Besetzung kaum darüber verfügten. Als "Hauptquelle des Übels" sah die "Kölnische Zeitung" den Versailler Vertrag, der auch die Bewaffnung von Sicherheitspersonal rigoros eingrenzte, "so dass die Zollbehörde mit ihren Kräften haushalten und Teile der Grenze entblößen muss".

Ins "Schmuggler-Paradies" Kaldenkirchen hat sich Anfang 1923 ein Reporter der "Niederrheinischen Volkszeitung" aus Krefeld begeben. Er wollte wissen, wie es wirklich um Kaldenkirchens "Ruf des größten Schmugglernests auf dem Kontinent" stehe. Eigentlich ist er schon zu spät gekommen, denn ein Beamter hat ihm beim Warten auf den Abmarsch einer nächtlichen Patrouille erzählt: "Vor einem Jahr noch zogen von überall her täglich fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Menschen nach Kaldenkirchen zu Fuß, mit der Eisenbahn und nicht zuletzt mit Fahrrad und Auto. In den Straßen war ein Leben wie in einer Großstadt." Wie es im winterlichen Wald zugeht, erlebt der Reporter bei einer Schlägerei zwischen Zollbeamten und Schmugglern, bei der er auch einen Hieb abbekommt, und "die Schmuggler haben natürlich gesiegt und sind entkommen". Das hat ein "Fridolin" in der Zeitung "Rhein und Maas" so kommentiert: "Was erspähst du, abgelauscht, / ist so ,köstlich' aufgebauscht, / dass Münchhausens Lügenbaron / übertroffen ward enorm."

Das Schmugglerleben an der Grenze hat 1903 schon der Bonner Schriftsteller Hans Eschelbach in seiner Novelle "Im Moor" aufgegriffen, die er im Bereich Venlo-Dammerbruch-Straelen spielen lässt. Er schildert den dramatischen Zweikampf eines Grenzbeamten und eines Schmugglers um dessen Frau.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat das Schmuggeln längst nicht die Dimension erreicht wie 25 Jahre zuvor. Die Grenze wurde wesentlich besser bewacht. Geschmuggelt wird aber auch noch heute, und meist wird - wie früher - nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs entdeckt. Allerdings hat sich der Warenkatalog verändert. Geschmuggelt wird vor allem Rauschgift, das gar nicht eingeführt werden darf. Doch immer wieder ziehen die Beamten an der Grenze Haschisch, künstliche Drogen oder Heroin aus dem Verkehr; Heroin steckte kürzlich kiloweise im Feuerlöscher eines Lastwagens.

Allerdings gibt es in Kaldenkirchen nicht mehr den "Ameisenverkehr", wie Rainer Watzke den Treck abertausender Menschen vom Bahnhof zum nächsten Coffee-Shop hinter der Grenze nennt. Der Sprecher des Hauptzollamtes Krefeld weist demgegenüber darauf hin, dass Abgabenhinterziehung heutzutage vor allem bei Zigaretten vorkommt, aber auch noch bei Kaffee, weil es in den Niederlanden keine Kaffeesteuer mehr gibt.

Aus dem Verkehr gezogen wurde am Schwanenhaus kürzlich auch ein Lastwagen mit gefälschter Markenware. Streifenbeamte wie einst gibt es heute an der "Grünen Grenze" nicht mehr, doch ist sie immer auch mal im Blickfeld der "Kontrolleinheit Verkehrswege". Sie ist Tag und Nacht zwischen Elmpt (A52) und Niederdorf (A60) mit mehreren Fahrzeugen unterwegs.

Quelle: RP
 
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