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Nettetal
Baumschule Lappen in Finanznöten

Nettetal: Baumschule Lappen in Finanznöten
Landschaftsprägend sind die Baumschulflächen im Grenzland. Die Baumschule Lappen bewirtschaftet rund 600 Hektar Fläche mit 134 Mitarbeitern. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Nettetal. Das mehr als 130 Mitarbeiter starke Traditionsunternehmen steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Das Amtsgericht Krefeld ordnete jetzt das Insolvenzeröffnungsverfahren an. Der Insolvenzverwalter sieht gute Chancen, den Betrieb weiterzuführen Von Manfred Meis

Die Arbeit läuft wie gewohnt weiter; Herbstferien kennt eine Baumschule nicht, auch nicht bei einem Insolvenzverfahren. So sind die Mitarbeiter wie üblich mit ihren Fahrzeugen in den Feldern von Kaldenkirchen, Leuth, Hinsbeck, Breyell, Bracht und im niederländischen Beesel unterwegs, um Bäume zu pflegen oder zu ernten und für den Versand fertig zu machen. Denn das Geschäft soll weiter laufen, hat der vom Amtsgericht Krefeld bestellte Rechtsanwalt Eberhard Stock als vorläufiger Insolvenzverwalter mitgeteilt.

Bei einer Betriebsversammlung, in der die 134 Mitarbeiter über die Lage des Unternehmens informiert wurden, zeigte sich Stock davon überzeugt, "den Baumschulbetrieb jedenfalls bis in das Jahr 2017 hinein fortführen zu können". Die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter werden derzeit über eine Vorfinanzierung des Insolvenzgeldes gesichert. Wie Stock weiter mitteilen ließ, haben sich zahlreiche Lieferanten und Dienstleister "sofort bereit erklärt, die Geschäftsbeziehung im gewohnten Umfang fortzusetzen". Das bestärke den Insolvenzverwalter und die Unternehmensführung in den Bemühungen, "die Chancen einer Sanierung zum Erhalt von Arbeitsplätzen zu nutzen". Nach dem jetzigen Stand geht Stock-Mitarbeiter Daniel Zumhasch davon aus, dass auch die anstehenden Pachtzahlungen erfolgen.

In Schieflage ist die Baumschule nach Angaben Stocks vor allem wegen der desaströsen Preise geraten, die gegenwärtig allen Baumschulen in Deutschland zu schaffen machen: "Es konnten nicht die Preise erzielt werden, die dem hochwertigen Produkt der Baumschule entsprechen." Andererseits haben die Hausbanken nicht mehr in ausreichendem Maße Kredite zur Verfügung gestellt, um den umsatzschwachen Sommer zu überbrücken. Wie Stock mitteilt, haben Christian und Dieter Lappen "umgehend" einen Insolvenzantrag gestellt, um in einem gerichtlichen Verfahren "die guten Sanierungsaussichten zu erhalten".

Dieter Lappen, heute 73 Jahre alt, hatte die 1894 gegründete Baumschule als 25-Jähriger nach Lehre und Meisterprüfung 1968 von seiner Mutter Gertrud übernommen, die in zweiter Ehe mit dem Baumschulmeister Heinz Schmidt verheiratet war, nachdem ihr Mann Friedolf Lappen im Zweiten Weltkrieg gefallen war. Damals bewirtschaftete die Baumschule zehn Hektar Fläche mit sieben Mitarbeitern, heute sind es rund 600 Hektar mit 134 Mitarbeitern. Sohn Christian Lappen, 45 Jahre alt, war nach Gärtnerlehre und Betriebswirtschaftsstudium seit 2001 in die Geschäftsleitung eingebunden, die er Ende Oktober 2015 allein übernahm.

Die Baumschule Lappen gilt als eine der ersten Adressen für Bäume von hoher Qualität und oft auch Exklusivität. Deshalb war das Unternehmen auch international sehr erfolgreich, wenn es um lukrative und repräsentative Aufträge ging: In "Lapp(en)land" gewachsene Bäume schmücken die Champs Elysees in Paris, das Bolschoi-Theater in Moskau, die St. Paul's Cathedral in London, die Floriade in Venlo oder den Platz am Hotel Adlon in Berlin. Lappen-Bäume stehen auch in Almaty (Kasachstan), Odessa (Ukraine), Mailand (Italien) oder auf dem Olympiagelände von Sotschi (Russland). Im Moskauer Gorky-Park wächst eine europäische Linde, die den Beinamen "Pallida Typ Lappen" trägt, weil sie in Kaldenkirchen gezüchtet wurde. Mit dem Slogan "Die Straßen und Gärten Europas sind unser Schaufenster" wirbt die Baumschule mit einigem Stolz.

Russland war ein bedeutendes Absatzland für die Baumschule, sie druckte gar einen Teil ihres Kataloges in russischer Sprache. Doch seit den Sanktionen der Europäischen Union wegen Russlands Verwicklung in den Ukraine-Bürgerkrieg und der Annexion der Halbinsel Krim ist der Ostexport dramatisch zurückgegangen. Dies dürfte auch eine der Ursachen für den momentanen Liquiditätsengpass sein.

Nettetals Bürgermeister Christian Wagner (CDU) ist davon überzeugt, das "das derzeitige Verfahren zur Zukunftssicherung der Firma und der Arbeitsplätze beiträgt". Das Unternehmen habe nicht nur wegen der vielen Arbeitsplätze eine hohe Bedeutung für die Stadt, sondern habe "mit ihren hervorragenden Produkten den Namen Nettetal in viele Länder Europas" hinausgetragen. Die Familie Lappen stehe dabei für Unternehmergeist und Innovation.

Quelle: RP
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