| 00.00 Uhr

Nettetal
Beim Fahren weitet sich die Landschaft

Nettetal: Beim Fahren weitet sich die Landschaft
Der Alleenradweg hat sich längst als die kürzeste Verbindung innerhalb Nettetals zwischen Kaldenkirchen und Lobberich etabliert. FOTO: Burghardt
Nettetal. Bei einer Fahrt auf dem Alleenradweg, der ehemaligen Bahntrasse von Kaldenkirchen Richtung Kempen, sind keine Spektakel zu erwarten. Dafür überraschen Kleinodien am Wegesrand und Einblicke in die Natur. Von Joachim Burghardt

Unendliche Weite: Alles eben, alles flach, im grellen Sonnenlicht verlieren sich die Konturen, das fahle Gelb löst sich auf am Horizont, vermengt sich mit dem hellen Blau des Himmels. Das Farbenspiel lässt ahnen: Von eintöniger Einöde keine Spur, reizvoll allein schon der Kontrast, mit dem das graue Band in der Mitte die Fläche teilt. Es ist schnurgerade, sich in der Ferne mehr und mehr verjüngend zum dünnen Strich - der Alleenradweg. Keine Spektakel, aber überraschende Kleinodien am Rand bietet eine Fahrt auf der ehemaligen Bahntrasse von Kaldenkirchen Richtung Kempen.

Schon wenige Metern nach dem Einstieg von der Leuther Straße her wird klar: Man ist nie allein unterwegs, oder fast nie. Mal Minuten lang keine Menschenseele, dann überholt mit Gebimmel von hinten ein Raser alle, die vor ihm fahren. Die älteren Herrschaften, die in einer Gruppe entgegenkommen und die Breite des Weges ausnutzen, fädeln sich nacheinander ein, lassen den Hektiker vorbeidüsen, scheren wieder aus, reden, scherzen, lachen, nur untermalt vom Gesumme ihrer E-Bike-Motoren. Sie haben ihren Spaß, doch wie dem rasanten Radler entgeht ihnen womöglich, was sich rechts und links des Weges tut.

Da ist ein Auf und Ab im Wellenflug von blühenden Disteln zu verblühtem Hahnenfuß, untermalt von Trillern und Trällern, wenn die kleinen bunten Stieglitze unterwegs sind. Bis sie wenden und umschwenken vom Weg zum Feld. Das präsentiert sich nach der Mahd mit blonder Stoppelfrisur, und wie Läuse im Kurzhaar wirken von Weitem dutzende von Ringeltauben, die letzte Körner vom Boden picken. Immer wieder flattern einige auf, als ob der Habicht sie nervös macht, der regungslos neben dem Gebüsch auf einem Pfahl hockt. Vielleicht ist er schon satt, vielleicht wartet er, bis kein Radler mehr ihn stört.

Vögel sind immer zu sehen vom Radweg aus, falls man nicht zu schnell fährt. Harrt kein Termin am Ende des Weges, geben Lust und Laune den Rhythmus des Trampelns vor, dann ist allein der Radweg das Ziel, das Radeln wird zum Selbstzweck, die Bahntrasse zur Therapiestrecke: Aufatmen und durchatmen, umschalten und abschalten, ohne Zeit zu verlieren Zeit für sich gewinnen.

Zugegeben, Mühlen, Herrensitze und Kapellen - die thematischen Radrundwege haben ebenso ihren Reiz wie die die lokalen und überregionalen Radwanderwege. Aber manchmal tut es auch eine kleine Runde nach Feierabend: Ein Stück Bahntrasse hin und her oder Bahntrasse hin und über andere Wege zurück, am besten nach den Wegweisern des Knotenpunktsystems.

Der asphaltierte Weg nicht öde und grau. Je nach Lichteinfall schimmert er körnig, dunkle Punkte wie Pocken auf heller Haut, manche glatten Stellen im Schatten großer Eichen glänzend schwarz wie frischer Teer. So exakt die Kanten einmal waren, so haben Wind und Wetter und Hitze ihnen zugesetzt. Risse hier, Beulen da, Wunden gleich aufgeplatzt, manche gelb markiert zum Zeichen: Reparatur steht an.

Messerscharf gerade der Weg, wellenschliffgleich ungerade mancherorts die Ränder: Sattgrüne Ranken mit glänzend weißen Glockenblüten erobern den Asphalt, gegenüber greifen wie Tentakeln Brombeeräste nach dem Weg. Beeren locken, viele sind reif, einige sind auf den Schotter gefallen, über den immer mal Eidechsen huschen. Flinke Flitzer auch die beiden Wiesel, die nacheinander von links über den Radweg rennen. Nicht schnell genug hingegen die Wegschnecke, deren Ausflug wohl unter einem Rad endete.

Solche kleinen Begebenheiten und Begegnungen auf und am Alleenradweg reizen zum Langsamfahren, zum Anhalten, zum Beobachten. Dabei kommen die Aufreger erst noch - die Autobahnbrücke und die Bänke an der idyllischen Kälberweide, die Weiterfahrt zwischen den Wittseen und die Wälder Richtung Grefrath... Doch mitunter reicht es eben, wenn der Radweg selbst das Ziel ist.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Nettetal: Beim Fahren weitet sich die Landschaft


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.