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Nettetal
Der Friedhof erzählt die Ortsgeschichte

Nettetal: Der Friedhof erzählt die Ortsgeschichte
Das große Kreuz bildet den Mittelpunkt der Priestergruft (l.). Ewald Meier erläutert die Grabstätte der Familie Janßen (oben). Die Ruhestätte des letzten Lobberich Bürgermeisters, Hein Nicus. FOTO: Busch
Nettetal. Auf dem Lobbericher Friedhof erinnern zahlreiche Grabmäler an bedeutende Frauen und Männer, die in den letzten 170 Jahren das Geschick des Ortes und das Wohl der Bürger bestimmt haben. Ein Spaziergang im Frühling Von Manfred Meis

Ein Friedhof mit einem Mausoleum - wo gibt es ihn? Seit 125 Jahren in Lobberich. Im Jahr 1891 ließ der Textilfabrikant Julius Niedieck, der im Haus Erlenbruch am Rand des Ingenhovenparks wohnte, im Westen des Gemeindefriedhofs auf einer ihm gehörenden Waldparzelle einen Privatfriedhof anlegen - mit einer gewaltigen Hügelgrabstätte für seine Familie. Das Gelände begrenzte eine Mauer, es wuchsen bald Bäume, ein Rasen bedeckte den Boden über der steinernen Grablegehalle.

Ob Kommerzienrat Julius Niedieck 1895 als erster aus der Familie seine letzte Ruhestätte fand oder ob seine 1889 verstorbene Frau Bertha geb. Mengelbier schon 1891 in einen marmornen Sarkophag umgebettet worden war, weiß man nicht. Später folgten seine Schwiegermutter Julia Mengelbier, seine Tochter Bertha und ihr Mann Alexander von Heimendahl (Kempen, Haus Bockdorf). Die Inschrift über dem Eingang des Mausoleums wurde um die Familie von Heimendahl erweitert, die es als Grabstätte nutzt. Zuletzt wurden hier die Brüder Alexander von Heimendahl (2010) und Julius von Heimendahl (2012) beigesetzt, beide Urenkel des Erbauers.

FOTO: Franz-Heinrich Busch (bsen)

Zwischen 1846 und 1849 hatte die Gemeinde den neuen Friedhof südlich des Ortskerns angelegt. Der Kirchhof rund um die Kirche am Marktplatz war zu klein geworden. Die Investition von 600 Talern erwies sich als kleine Konjunkturspritze. Arbeitslose Weber fanden zeitweise Beschäftigung. Von drei Maurern, die Mauern an der Ost-, Süd- und Westseite hochzogen, unterzeichneten zwei Abrechnungen mit drei Kreuzen. "Es ist erstaunlich, die Männer konnten nicht schreiben, aber ihre Mauern haben über 150 Jahre gehalten", merkt Ewald Meier an. Er ist als Landespfleger bei der Stadt Nettetal zuständig für Bäume und Friedhöfe. Er ist ein profunder Kenner der Anlage.

Die Hecke an der Südweite verschwand mit der ersten Erweiterung. So rückte die runde Priestergruft in die Mitte. Mit neuen Erweiterungen erhielt der Friedhof neue Hauptachsen und einen Zugang an der Düsseldorfer Straße. Grabstätten an den Hauptachsen waren "Kaufgräber" wohlbetuchter Familien. Dazu gehörten Kaufleute (Boetzkes, Tohang, Jansen) und Landwirte (van der Beek, Hessen, Gartz, Tobrock).

An der Nordsüdachse liegen hinter der Priestergruft die Grabstätten der Unternehmerfamilien van der Upwich und Karl Niedieck. Für den Unterhalt van-der-Upwich-Gräber sorgt die van-der-Upwich-Schleßsche Stiftung. Die Stadt hat die gegenüber früher halbierte Niedieckgrabstätte übernommen. Das gilt auch für ein kleines Grab: Hier wurden die Geschwister Bongartz beigesetzt, die Lobberich eine großzügige Stiftung machten, von denen heute die Kindertagesstätte Bongartzstift und der Hof künden.

FOTO: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)

Mit dem Eingang Düsseldorfer Straße entstand eine Ostwestachse. In deren erster Kreuzung steht das an den Krieg 1870/71 erinnernde Denkmal mit dem gen Himmel schauenden Engel. Auf dem Weg dorthin lohnt ein Blick nach links auf das Grab des Malers Jakob Reiners, dessen Charakterkopf in Stein gemeißelt ist. In der Nähe liegt die Grabstätte des früheren Girmes-Chefs Erich Selbach, gestaltet von Bildhauer Peter Rübsam. Etwas suchen muss man nach der Grabstätte des Unternehmers Robert Kahrmann: Sie liegt bescheiden "in der zweiten Reihe" , wenn man an der nächsten Kreuzung nach Süden geht und nach links schaut. Daneben befindet sich das Grab des ersten evangelischen Nachkriegspastors Paul-Wilhelm Schmidt.

An der Kreuzung fällt der Blick auf die überlebensgroße Jesusgestalt in einer offenen halbrunden Apsis: Es ist die Grabstätte der Familie Janßen/Antonetty/Endrejat, die im vorigen Jahrhundert im Hause Marktstraße 36 wohnte. Richard Janßen stellte Zigarren der Marke "Rijalo" her. Um die Ecke geht es auf den Waldfriedhof. An der Südseite ist das unscheinbare Grab der Soziologin Hanna Meuter, an Resten der alten Mauer. Ihr Namensschriftzug ist ihrer Handschrift nachempfunden. Drei Tauben erkennt man auf dem Schieferstein der Grabstätte des Niedieck-Vorstandes Otto Nickel. Folgt man dem Rundweg, stößt man links auf den Gedenkstein für den Amtsgerichtsrat Julius Baumann, der im "Dritten Reich" Recht sprach, ohne sich den Forderungen der NSDAP zu beugen.

Es gab Zeiten, da waren die Grabreihen für katholische und evangelische Christen streng getrennt. Wer den Friedhof durch das alte Tor, das später die beiden Häuschen erhielt, betritt und sich nach rechts wendet, findet Reste einer evangelischen Reihe mit der Grabstätte des "Aluminiumpapstes" Prof. Max Haas. Gleich daneben lag das Grab des Vaters von Prof. Werner Jaeger. Geht man nach links, taucht man weiter in Lobberichs Geschichte ein mit den Grabmälern für den Lehrer und Chorleiter Eduard Istas, für den Kaufmann Peter Josef Doerkes und Bürgermeister Loius Bender. Am Rande des inneren Urnenfeldes, zehn Meter weiter, steht einsam der Grabstein des Bürgermeisters und Rittergutbesitzers Johann Heinrich Kessels, dem es Mitte des 19. Jahrhunderts gelang, die Textilfabrikanten Felix und Victor de Ball nach Lobberich zu holen: Damit wurde der Grundstein für eine rasante Entwicklung der Gemeinde gelegt.

In den 1920er-Jahren hat die Gemeinde Lobberich südlich des Mausoleum-Waldfriedhofes einen Ehrenfriedhof für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges angelegt, in dessen Mittelpunkt ein rund 1,70 Meter hoher Basaltblock aus der Eifel steht. Hier fanden auch Opfer des V-1-Unglücks 1945 ihre letzte Ruhestätte. In der Nähe ruhen, fast Kopf an Kopf, drei "Spitzen der Verwaltung": Stadtdirektor Hans-Willi Güßgen, Bürovorsteher Paul Brocher und dessen Nachfolger Hans Meis.

Gegenüber der 1964 errichteten Friedhofshalle erinnert ein Grabstein an Josef Budde, Rektor der Volksschule I Jahnstraße. Er war viele Jahrzehnte Vorsitzender des Heimatvereins "Stammtischrunde". Einer seiner Nachfolger, Lothar Ehlert, liegt ohne Titel nicht weit weg vom Bongartz-Grab; unter dem kleinen Kreuz auf seinem Grabstein gibt ein Glasfenster den Blick frei auf "Heimaterde" - ein Hinweis auf den einst aus Ostdeutschland Vertriebenen. Das alles entdeckt man allerdings nur, wenn man mit Ewald Meier über den Friedhof geht.

Quelle: RP
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