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Nettetal
Der Mann, der unsere Bäume zählt

Nettetal: Der Mann, der unsere Bäume zählt
Landespfleger Ewald Meier untersucht alle Bäume an Nettetals Straßen und listet sie auf. Am Klang des Hammers erkennt er, ob sie morsch sind. FOTO: jobu
Nettetal. Landespfleger Ewald Meier erstellt das Nettetaler Baumkataster. Jeder städtische Baum wird erfasst, untersucht und aufgelistet Von Joachim Burghardt

"Er hat sich wohl gedacht, ach, ich wachs mal was schneller, dann kommt der Pilz nicht mit und ich lebe länger", sagt Ewald Meier und zeigt in die Höhe. Dort oben, ein paar Meter unter der ausladenden Krone der Platane, hat der Wachstumsschub für eine Verjüngung des ansonsten stolzen Stamms gesorgt. Der Experte vom Grünflächenamt notiert seine Beobachtungen und Messungen in einer Liste. Das macht er bei jedem städtischen Baum in Nettetal: Meier erstellt mit seinen Kollegen Josef Naus und Brian Neal das Baumkataster.

"Die Verengung im Stamm nennen wir Flaschenhals-Effekt, sie ist ein Zeichen für Pilzbefall", erläutert Meier und klopft die Rinde mit einem Hämmerchen ab, horcht nach hohlen Stellen im Stamm, schaut skeptisch drein: "Der Pilz will auch leben, er hat den Baum im Griff, der macht's leider nicht mehr lange." Neben dem Hammer gehört zu seiner Ausrüstung ein Fernglas für den Blick in die Krone, ein großer Schraubenzieher, um nach morschen Stellen zu stochern, und ein Maßband für den Umfang des Stammes: "Alle Daten sind wichtig", sagt er.

Erfasst werden Daten wie Art, Alter, Größe, Zustand aller städtischen Bäume an Straßen, dazu kommen die Gehölze auf öffentlichen Flächen wie Grünanlagen, Schulhöfen oder Spielplätzen. "Das Kataster hat eine enorme Bedeutung aus wirtschaftlichen, versicherungstechnischen und juristischen Gründen", führt der Landespflege-Ingenieur aus, außerdem erleichtere es die regelmäßigen Baumkontrollen.

So habe jeder kommunale Baum seinen holzwirtschaftlichen Wert: Muss er gefällt werden, kann die Stadt das Holz verkaufen oder beispielsweise für Sitzblöcke auf Schulhöfen verarbeiten lassen - all das wird geprüft. Zudem müsse jede Bestandsaufnahme gerichtssicher sein. Entstehe etwa durch einen umstürzenden Baum ein Schaden, müsse die Kommune anhand des Katasters für Gerichte oder Versicherungen nachweisen, dass sie ihrer Ordnungspflicht nachgekommen sei und keine Krankheit am Baum übersehen habe: "Sicherheit hat Vorrang vorm Erhalt eines Baumes", sagt Meier.

Im Grünflächenamt werden die erhobenen Baumdaten nach und nach digitalisiert. Ob es später auch im Internet für jeden Bürger einsehbar sei, vermag Meier nicht zu abzuschätzen: "Darüber ist noch nicht entschieden, da hat auch die Politik mitzureden." Hinter der nüchternen Statistik mit all ihren Daten indes steckt für Meier viel mehr: "Wir müssen oft nachforschen, wie alt ein Baum ist, wann er gepflanzt wurde, dabei machen wir schon mal interessante geschichtliche Entdeckungen." So habe es ihn stutzig gemacht, dass die Eschen an der Venloer Straße in Kaldenkirchen laut alten Dokumenten 1946 gepflanzt sein sollten: "So kurz nach dem Krieg war kein Geld da, um Bäume zu kaufen." Richtig: Von einer alten Kaldenkirchenerin erfuhr er, dass der damalige Stadtdirektor die Bäume aus dem Grenzwald habe ausgraben und an der Straße einpflanzen lassen. Und die Wurzeln der Waldbäume wucherten, beschädigten Straße und Bürgersteige.

Von historischer Bedeutung sind vor allem die prächtigen Bäume im Lobbericher Ingenhovenpark, die meisten hat laut Meier "Julius Niedieck um 1870 pflanzen lassen". Darunter ist die große Platane, die sich vor dem Pilzbefall retten wollte und schnell in die Höhe wuchs: "Aber der Baum wird nicht ewig leben", sagt Meier, der sich gerne um die Bäume kümmert. So auch um die Buche ein paar Meter weiter, deren Stamm zweifarbig wirkt. "Zur Südseite drohte der Baum auszutrocknen, da haben wir eine Art Spezial-Sonnencreme auftragen lassen." Vergebene Liebesmühe, wie Meier beim Klopfen mit dem Hammer unten am Stamm feststellt: "Pilzbefall, schon ein bisschen morsch", trägt er ins Kataster ein.

Quelle: RP
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