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Nettetal
Die Betreuer für Schwerstkranke

Nettetal: Die Betreuer für Schwerstkranke
Gut verstanden haben sie sich schon immer, doch in den vergangenen Monaten hat Pflegefachkraft Silvia Hohlendung eine andere Haltung gegenüber ihrem schwerstkranken Patienten entwickelt. "Er schafft das", sagt sie. FOTO: Caritas
Nettetal. Für Pflegeprofis ist es eine Herausforderung, gut mit schwerstkranken und sterbenden Menschen zu kommunizieren. Wie sie ihren Patienten besser beistehen können, lernten Ärzte und Pflegekräfte bei einem Pilotprojekt in Nettetal

Man sieht dem 93-Jährigen nicht unbedingt an, wie krank er ist. Dass er im Rollstuhl sitzt, erklärt er so: "Die Kraft fehlt, außerdem ist mein Gleichgewichtssinn gestört." Er lächelt dabei. Das macht er oft, seine Augen strahlen dann mit und in diesen Momenten sieht er mindestens zehn Jahre jünger aus. Schwer zu glauben, dass er bereits 2012 seinen 90. Geburtstag als Abschiedsfest gefeiert hat: Der 93-Jährige leidet an einer speziellen Form von Blutkrebs. Sein Körper bildet zu wenige rote Blutkörperchen.

"Mein Arzt sagte mir damals, er könne nichts mehr für mich tun", berichtet der gebürtige Duisburger. Zuvor hatte er nach sieben Monaten eine weitere Chemotherapie abgelehnt. Seither wird seinem Körper alle 14 Tage Blut zugeführt. Die Transfusionen halten ihn am Leben, 146 davon hat er bisher bekommen. "Dadurch werde ich noch zum eisernen Jüngling", lacht der Senior, der seit 14 Jahren in der Nettetaler Curanum-Residenz lebt.

Silvia Hohlendung lacht mit ihm. Jeden Morgen um halb sieben kommt die Mitarbeiterin der Caritas-Pflegestation Nettetal und zieht dem 93-Jährigen seine Kompressionsstrümpfe an. Einmal hat sie ihren Patienten bewusstlos in seinem Rollstuhl vorgefunden. Beide wissen: Das kann jederzeit wieder passieren. Keine leichte Situation für die 28-Jährige. Doch in den vergangenen drei, vier Monaten hat Hohlendung eine andere Haltung dem alten Mann gegenüber entwickelt. "Früher habe ich oft gedacht: Der Arme. Heute denke ich: Er schafft das. Er hat die Kraft."

Gelernt hat sie das während einer in Nettetal durchgeführten mehrteiligen Fortbildung, die vom Institut für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein (IQN) durchgeführt und als Pilotprojekt von der Robert Bosch Stiftung gefördert wurde. Gemeinsam mit Hausärzten aus dem Kreis Viersen, Krankenhaus-Mitarbeitern und Fachkräften eines Pflegeheims wurde Silvia Hohlendung während der vergangenen Monate in der "Kommunikation und Selbstfürsorge bei der Versorgung von Schwerstkranken und Sterbenden" geschult.

Die junge Frau erinnert sich an eine Situation während eines Spätdienstes im vergangenen Jahr: Eine Patientin lag zu Hause im Sterben. Ihr Mann war aufgewühlt und stellte der Caritas-Mitarbeiterin viele Fragen, während sie seine Ehefrau pflegte: Überlebt meine Frau die kommende Nacht? Wen kann ich anrufen, wenn ich Hilfe brauche? Was ist, wenn sie stirbt und ich alleine mit der Leiche bin? "Ich wusste damals nicht genau, was ich tun konnte, damit der Ehemann sicherer wird. Das Gespräch spielte sich quasi zwischen Tür und Angel ab", berichtet Silvia Hohlendung. Heute würde sie anders reagieren - und "ihm sagen, dass wir uns gleich in Ruhe zusammensetzen und alles besprechen". Sie hat gelernt, sich in solchen Situationen auf die Wünsche der Patienten und ihrer Angehörigen zu konzentrieren - "auch wenn im Dienstplan steht, dass ich den Patienten jetzt waschen soll".

Mit dem Pilotprojekt soll auch die Zusammenarbeit zwischen Ärzten, medizinischen Fachangestellten und Pflegefachkräften verbessert werden. "Erstmals nahmen sie gemeinsam an einer Fortbildung teil und konnten sich kennenlernen", berichtet Susanne Kiepke-Ziemes vom Caritasverband für die Region Kempen-Viersen, eine der Dozentinnen. Das sei wichtig, denn die meisten Menschen wollten zu Hause sterben. "Aber wenn Hausarzt und Pflegekräfte sich nicht verstehen, Absprachen nicht funktionieren und deshalb Medikamente oder Hilfsmittel fehlen, muss der Patient vielleicht doch wieder ins Krankenhaus", fügt die Expertin hinzu. Pflegefachkräfte wie Silvia Hohlendung seien viel häufiger, länger und intensiver mit den Patienten und ihren Angehörigen zusammen als etwa ein Arzt. "Deshalb fragen die Kranken sie viel mehr, weil die Schwelle der Zurückhaltung geringer ist", sagt Kiepke-Ziemes. Die Folge: "Pflegekräfte sind dem ganzen Leid ausgesetzt." Umso wichtiger sei, dass sie damit umgehen könnten. Hohlendung kann das nur bestätigen. Sie zwinkert ihrem Patienten zu. "Bis morgen früh", sagt sie zum Abschied.

Quelle: RP
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