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Auszubildende aus Albanien
Die Lehrstelle, die keine andere wollte

Die Lehrstelle, die keine andere wollte
Claudia Xhika ist Auszubildende im Café Seeger in Nettetal. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Nettetal. Die Konditorei Seeger in Nettetal findet kaum noch Auszubildende. Schon nach wenigen Wochen springen die meisten Anwärter ab. Seit Juli beschäftigen die Inhaber eine junge Albanerin – und sind mehr als zufrieden. Von Emily Senf

Klaudia Xhika lernt jetzt Eissorten. Schoko, Vanille, Nuss - klar. Aber auch Champagner-Trüffel, Sanddorn, Edelmarzipan, Erdnuss-Karamell, Mandel-Praliné und weiße Schokolade muss die 22-Jährige schnell benennen können. Nicht ganz einfach für die Albanerin, die erst seit wenigen Monaten in Deutschland lebt.

Xhika ist Auszubildende in der Konditorei Seeger in Nettetal am Niederrhein. Obwohl der neuen Arbeitskraft die Sprache noch schwer fällt, ist Chefin Ulrike Seeger mehr als zufrieden mit ihrer Leistung. "Klaudia ist fleißig und engagiert, sie passt sich an", sagt Seeger, die die 1895 gegründete Konditorei mit ihrem Mann in vierter Generation betreibt. Dass sie das betont, hat einen Grund: "Seit Jahren finden wir keine motivierten Auszubildenden mehr", klagt sie.

Meistens ginge es mit den Anwärtern nach etwa drei Wochen bergab. "Dann merken sie, dass die Arbeit anstrengend ist", sagt Seeger und zählt auf: "Der Wechsel von Früh- und Spätdienst, der freundliche Umgang mit den Gästen und sich alle Produkte zu merken. Dazu sind viele nicht bereit." Darum fragte sie bei der Flüchtlingshilfe im Ort an.

Xhika kam mit einem Touristenvisum nach Deutschland

Kurze Zeit später stand Xhika vor der Tür der Konditorei. Vergangenes Jahr war sie zum ersten Mal mit einem Touristenvisum nach Deutschland gekommen und hatte in Münster einen Sprachkursus besucht. Einen Monat später war das Visum abgelaufen, die 22-Jährige musste zurück in ihre Heimatstadt Elbasan. Im Dezember kam sie wieder, dann noch mal im März. Über Bekannte erfuhr sie von dem Gesuch der Konditorei. Und als sie sich bei den Seegers vorstellte, stand schon nach wenigen Tagen Praktikum fest, dass sie dort eine Zukunft haben könnte.

Die junge Frau hat in Albanien eine Ausbildung zur Hebamme absolviert. "Aber es gibt keine Arbeit", sagt sie. Auch in Deutschland ist die Lage für Geburtshelfer nicht besser, Xhika musste schweren Herzens umschwenken. In der Konditorei durfte sie zunächst nur zugucken, "nichts anfassen", alles andere verbot ihr das Touristenvisum. Trotzdem war sie begeistert von der Arbeit als Service-Kraft. "Alles macht Spaß", sagt die 22-Jährige. Inzwischen wohnt sie mit ihrem Freund in einer kleinen Wohnung. Er macht in einem Nachbarort eine Ausbildung zum Koch.

Büroratie kam der Auszubildenden in die Quere 

Einfach war der Weg zur neuen Azubi nicht. Zwar hätten Arbeitsagentur und Handwerkskammer schnell zugestimmt, berichtet die Konditorei-Inhaberin. Allerdings sei der Prozess dann ins Stocken geraten. Xhika musste ihren Ausbildungsvertrag in der deutschen Botschaft in Albaniens Hauptstadt Tirana vorzeigen, um ein Arbeitsvisum zu bekommen. Dort tat sich aber wochenlang nichts. "Plötzlich hieß es, sie wollten eine Kaution von 10.000 Euro", berichtet Seeger. Als sich aber Nettetaler Politiker von Berlin aus einschalteten, "war davon keine Rede mehr". Xhika bekam ihr Visum. Seit dem 1. Juli läuft ihr Ausbildungsvertrag.

Den Ehrenamtlern der örtlichen Flüchtlingshilfe, die die junge Albanerin auch betreut hat, ist die Konditorei-Inhaberin für ihre Unterstützung dankbar: "Sie haben Klaudia morgens um fünf am Flughafen abgeholt oder sind mit ihr zur Krankenkasse gegangen." Ein Ausbildungsplatz ist noch frei. Zum Winter hin möchte Seeger ihn besetzen. Gerne auch mit einem Flüchtling. "Die Tür steht offen."

Derweil lernt Xhika, wie man Pralinen zusammenstellt und hübsch verpackt, wie die Torten heißen und wie sie ein Frühstück zubereitet. Das Bedienen der Gäste gehört schon zu ihren Aufgaben. Am Anfang war sie sehr aufgeregt. "Inzwischen ist aber mein Deutsch besser geworden, und ich bin entspannter", sagt sie. Ende August startet die Berufsschule. Wenn alles gut läuft, ist Xhika in drei Jahren Verkäuferin im Nahrungsmittelhandwerk mit Fachbereich Konditorei. Und danach? Die junge Frau lächelt. "Vielleicht mache ich mit meinem Freund ein Restaurant auf", sagt sie.

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