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Nettetal
Die wechselvolle Geschichte der Marktstraße 31

Nettetal: Die wechselvolle Geschichte der Marktstraße 31
Ein sonniger Tag 1952 auf der Marktstraße in Lobberich, damals die Hauptverkehrsstraße. Die Häuserzeile links ist noch geschlossen. Das Kino befand sich an der Rückseite der Gebäude FOTO: Sammlung Lobberland
Nettetal. Vor 80 Jahren wurde aus dem Lobbericher Apollo-Kino das Capitol-Theater. Heute hat die Commerzbank ihre Geschäftsstelle im Haus Marktstraße 31. In der Wirtschaft wurden schon 1902 erstmals "laufende Bilder" gezeigt. Von Manfred Meis

Es war ein "Ereignis für Lobberich und Umgebung", wie die Zeitung "Rhein u. Maas" am 24. Februar 1934 schrieb: Mit dem damals schon populären Hans Albers als Agentenjäger Gran in Venedig und Rom eröffnete das Capitol-Theater, zu dem das frühere Apollo-Kino umgestaltet worden war.

Und als zweiten Film sahen die Lobbericher auf der Leinwand, die jetzt zunächst hinter einem Vorhang verborgen war, Liana Haid und Viktor de Kowa in "Sag mir, wer du bist". Eine Woche später lief Leni Riefenstahls Film vom NSDAP-Parteitag 1933 "Sieg des Glaubens", von der Zeitung wärmstens empfohlen.

"Den Kinosaal kennt man nicht wieder", notierte die dreimal wöchentlich in Lobberich erscheinende "Rhein u. Maas", denn die Wände waren mit Stoff bespannt und die Technik erneuert worden, so dass "ein modernes und allen Ansprüchen gerecht werdendes Tonlichtspiel-Theater" geschaffen wurde.

Die Gebrüder Schmidt aus Mönchengladbach hatten das Haus Ende 1933 von Josef Hally übernommen. Sie steckten 7000 Reichsmark in die Renovierung, von der auch Lobbericher Handwerksmeister profitierten. Die Holzarbeiten erledigten die Gebr. Breidenbroich, Maler- und Anstreicherarbeiten führte Robert Schöny aus, und die Bühnenherrichtung stammte von Jakob Moonen.

Die Passage hatte Schmiedemeister Terheiden hergestellt. Das Kino lag nämlich nicht gleich an der Marktstraße, sondern hinter einem Hotelrestaurant. Als "Hotel gehobener Geselligkeit" galt 1882 schon das Haus Marktstraße 31, in dem Martin Heythausen auch dem Männergesangverein, der Gesellschaft Sorgenfrei und dem landwirtschaftlichen Verein Unterkunft bot. Schon 1902 wurden in der Wirtschaft "laufende Bilder" gezeigt, doch bot erst das Kino im hinteren Bereich des Grundstücks die Voraussetzungen, richtige Filme zu zeigen – zunächst nur stumm, aber mit einem Musikus. Samstags und sonntags hatten die Lobbericher dieses Vergnügen, wie Hotelier Rudolf Krings 1925 annoncierte. Die Passage war höchst interessant, denn in Schaukästen wurde hier immer auf die nächsten Filme hingewiesen.

1937 kaufte der Kempener Kinobesitzer Arnold Jansen Gaststätte und Kino als Mitgift für seine Tochter Sibylle und ihren Mann Willi Straeten. Das Capitol wurde vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer wichtigen Stätte der leichteren Unterhaltung, aber auch der Kultur. Auch in Lobberich ging 1952 der erste deutsche Heimatfilm "Grün ist die Heide" mit Sonja Ziemann, Rudolf Prack und Willy Fritsch in die zweite Woche. Doch widmete sich eine VHS-Reihe auch künstlerisch anspruchsvollen Filmen: "Fahrraddiebe", "Das Wunder von Mailand" von Vittorio de Sica oder "Rashomon – Das Lustwäldchen" von Akira Kurosawa liefen sonntags um 11 Uhr. Anschließend wurde im kleinen Straeten-Saal zwischen Kino und Wirtschaft im ersten Geschoss mit dem damaligen Studienrat Dr. Adolf Wuttke diskutiert.

Das Ende des Capitol-Theaters wurde 1957/58 mit dem Bau des neuen Kinogebäudes (Astra-Theater) an der Von-Bocholtz-Straße eingeläutet. Den hatte Willi Straeten noch eingeleitet. Ihn vollendeten seine Frau Billa und Sohn Arnold nach dem plötzlichen Tod Willi Straetens. Beide Kinos liefen noch knapp fünf Jahre gleichzeitig. Dann zog in das einstige Capitol der Kempener Lebensmittelhändler Max Hubbertz ("Discount Max") ein.

Die Lobbericher Ortskernsanierung ermöglichte neue Baumöglichkeiten. In der Folge wurde 1974 alles, was zur Marktstraße 31 gehörte, abgebrochen. In den neuen Wohn- und Geschäftsbau zogen im Erdgeschoss der Discounter Aldi und, zum Doerkesplatz hin, die Eisdiele Monego ein, die schon seit Mitte der 1960er-Jahre die frühere Straeten-Wirtschaft gepachtet hatte. Monego ist immer noch da, statt Aldi hat die Commerzbank seit 1989 hier ihre Geschäftsräume. Und in einer Wohnung oben drüber wohnen seit Ende 2012 wieder Arnold und Ursula Straeten.

Quelle: RP
 
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