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Nettetal
Dieser Platz ist hungrig nach dem Leben

Nettetal: Dieser Platz ist hungrig nach dem Leben
In die untergehende Sonne hinein platzierten einige Nettetaler ihre Sitzmöbel auf dem Lambertimarkt. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Nettetal. Die Innenarchitektin Anthoula Kapnidou forderte, den Lambertimarkt im wahren Wortsinn zu besetzen. Einige Nettetaler folgten dem Aufruf. Die Fotografin Claudia Ohmer zeigte Bilder von "Lost Places". Von Sigrid Blomen-Radermacher

Es klingt wie ein Flashmob: "Bringen Sie Ihren alten Stuhl oder einen Hocker, ein Kissen oder eine Decke oder sonstige Sitzgelegenheit mit zum Platz am Lambertiturm" - so lauteten der Aufruf und die Einladung der Breyeller Innenarchitektin Anthoula Kapnidou. Gut 30 Menschen taten dies: Sie brachten Yogamatte, Campingstuhl und Faltstuhl mit und hocken sich dorthin, wo die Augustsonne auch um 18 Uhr noch wärmt. Für die, die ohne Sitzgelegenheit gekommen waren, gab es Bänke.

Und nun? Anthoula Kapnidou begrüßt die tatsächlich gekommenen Platzeroberer: "Wir wollen miteinander Spaß haben." Die Trommelgruppe rund um die Krefelder Künstlerin Diana Drechsel zieht die Zuhörer in kurzer Zeit mit ihren Klängen in ihren Bann.

Für Anthoula Kapnidou ist der Platz vor dem Lambertiturm ein "hungriger Ort", der nach Nahrung sucht: in Form von lebendigen Begegnungen, in Form von sitzenden und erzählenden Menschen, in Form von Musik und Kunst. "Der Platz ist eine Bühne", sagt sie. Nur folgerichtig also, dass die Innenarchitektin dort eine Performance organisiert. "Lost Places trifft hungrige Orte" nennt sie die Eroberung des Platzes, mit der sie auf die Qualität eines Ortes aufmerksam machen möchte. Die Gegend um den Lambertiturm ist wirklich ein bisschen "lost" und ebenso "hungrig": Viele Geschäfte stehen leer, das Café am Platz ist noch immer unbelebt - da ist so eine Aktion schon ein wertvoller Hinweis auf sein Potenzial, das genutzt werden möchte.

Und die Breyeller? Sind sie gekommen? Ja. Auch wenn es eine Weile dauerte, bis sie gefunden wurden. Neben den Nachbarn aus Schaag, Leuth, Lobberich sitzen sie. Sie freuen sich über das private Engagement von Anthoula Kapnidou und bedauern, dass der Platz nicht voll ist mit Zuhörern, mit Familien, mit Kindern. Denn zwischen den Trommelstücken erzählt Diane Drechsler immer wieder fesselnde Märchen aus Afrika, die von Instrumenten oder auch Gesang untermalt werden. Die Kinder sitzen in der ersten Reihe und freut es.

Ein Teil der Breyeller Abendperformance ist die Ausstellung der Fotografin Claudia Ohmer. Sie sucht, findet und fotografiert "Lost Places". Und wenn man die mit dem Lambertimarkt vergleicht, dann wird schnell klar: dieser Markt gehört definitiv nicht dazu, trotz der Leerstände.

Denn das, was Ohmer fotografiert, sind seit vielen Jahren verlassene Fabriken, Industrieruinen, ungenutzte Gefängnisse, Kasernen, Heilanstalten. Für diese Orte ist es das Ende: Sie sind verfallen, verlassen, verstaubt, unbenutzbar, ruinös und nicht ungefährlich zu betreten, von der Natur zurückerobert. Für die Betrachter der Fotografien allerdings ist es ein Anfang: der Anfang von Geschichten, die die Fantasie eingibt, Geschichten, die der morbide Charme der Orte entwickelt, Geschichten, die die Geheimnisse aus den im Dornröschenschlaf liegenden Orte ans Licht bringen.

Viele Motive findet Ohmer gleich in der Nähe: die inzwischen vollständig beseitigte Firma Niedieck in Lobberich oder das in einen Gewerbe- und Industriepark umgestaltete Stahlwerk Becker in Willich. Manche entdeckt sie in Belgien, andere in Berlin. Gemeinsam mit Anthoula Kapnidou hat Claudia Ohmer die Fotografien sehr alternativ präsentiert: innerhalb einer "upcycling"-Landschaft aus Paletten, Maschendraht und Eisenarmierung.

Unter dem Begriff "lost places" hat sich übrigens mittlerweile eine eingeschworene Gemeinschaft von Fotografen gebildet, die Ort aufsucht und festhält, bevor sie vollends verschwinden.

Quelle: RP
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