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Nettetal
Ein Ex-Flüchtling baut für Flüchtlinge

Nettetal: Ein Ex-Flüchtling baut für Flüchtlinge
Der Spielplatz an der Breslauer Straße in Kaldenkirchen ist umgesetzt und auf seine Sicherheit geprüft worden. FOTO: Busch
Nettetal. Als sich 1995 der Konflikt zwischen Albanern und Serben in der jugoslawischen Provinz Kosovo zuspitzte, flüchtete der 19-jährige Bauarbeiter Osman Sejdijaj aus seiner Heimat. Der Kosovo-Albaner hat heute eine eigene Bauunternehmung. Von Ludger Peters

Die Woche beginnt ungemütlich. Feinster Nieselregen, angetrieben von böigem Wind, macht die Arbeit auf der Baustelle an der Breslauer Straße nicht zum Vergnügen. Osman Sejdijaj lächelt trotzdem. Er ist freundlich und verbindlich. Der Bauunternehmer platziert mit der Fernsteuerung seines Baukrans ein Paket Steine dahin, wo sie verarbeitet werden müssen. Dann bittet er in den Bauwagen. Drinnen ist es muckelig warm und vor allen Dingen trocken.

Sejdijaj setzt den Helm ab und wirkt gleich jünger. Er ist 42 Jahre alt und selbstständiger Bauunternehmer. Vor zwanzig Jahren war er Flüchtling, heute baut er Gebäude für Flüchtlinge. 19 Jahre alt war Sejdijaj, als er 1995 nach Deutschland kam. Sein Vater hatte Angst, der Sohn könnte in die Wirren des Bürgerkriegs in seiner Heimat Kosovo geraten. "Ich bin alleine gekommen", sagt Sejdijaj. "Einige tausend Mark" hat die Familie an Schleuser gezahlt.

Über Düsseldorf und Duisburg kam er nach Bracht. Er lebte einige Monate im Container an der Solferinostraße. Es war beengt, höchst bescheiden und ein Leben mit Flüchtlingen aus anderen Ländern des früheren Jugoslawiens und aus Afrika. "Nach fünf Monaten hatte ich Arbeit. Es war schwierig, solange die Aufenthaltsgenehmigung nur drei Monate reichte und verlängert werden musste." Sejdijaj ließ sich nicht entmutigen. Allerdings hat er sich einige Male gefragt: "Wo bin ich hier nur hingeraten?" Er fand einen Job auf dem Bau und verdiente soviel, dass er erstmals in seinem Leben eine kleine Wohnung mieten und für sich allein leben konnte.

"Ich habe immer ein Ziel gehabt, und ich habe nie aufgegeben", sagt er. Er spricht recht gut Deutsch, auch wenn er nie Unterricht genommen hat. Die Schriftsprache, das gibt er offen zu, fällt ihm sehr schwer, sonst hat er kaum einmal Probleme.

Zehn Jahre lang arbeitete er bei mehreren Bauunternehmungen. Ein Arbeitgeber bot ihm die Partnerschaft an, damit er sich aus Altersgründen zurückziehen konnte. Aber Osman Sejdijaj traute sich noch nicht. "Ich baute gerade mein eigenes Haus an der Pastor-Schmidt-Straße in Lobberich. Es war mir zu riskant." Der Unternehmer schloss dennoch den Betrieb, und Sejdijaj war arbeitslos. Zugute kam ihm, dass in Deutschland inzwischen seine Ausbildung aus dem Kosovo anerkannt worden war - auch weil er schon so viele Jahre praktischer Arbeit geleistet hatte.

So wagte er vor gut zehn Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit - und ist seitdem erfolgreich. "Ich habe kein großes, aber auch kein ganz kleines Unternehmen", sagt er und lächelt. Vier Mitarbeiter beschäftigt er. "Durch Arbeit schafft man alles", sagt er unvermittelt. Solche Sätze sagt er immer wieder. Man müsse ein Ziel haben, man müsse bereit sein zu arbeiten, man müsse sich anpassen. Das Achtfamilienhaus, das er in Kaldenkirchen im Auftrag der Baugesellschaft Nettetal errichtet, ist bereits sein drittes für Flüchtlinge. Die städtischen Neubauten am Caudebec-Ring in Lobberich hat er auch gebaut. "Die haben es gut hier", sagt Osman Sejdijaj. "Als ich hierher kam, gab es nur Container." Der Kosovo-Albaner ist skeptisch, dass Deutschland die große Zahl bewältigen kann.

Osman Sejdijaj hat sich seine eigene Existenz aufgebaut. Er baut für Auftraggeber und "nach Feierabend" alleine für sich privat, um Wohnungen zu vermieten. Erworben hat er auch den Bauhof der einstigen Bauunternehmung Wenk & Camps an der Wevelinghover Straße in Lobberich. Schritt für Schritt stabilisiert er sein Unternehmen. Besonders stolz ist er auf seine Familie. Die drei Kinder bringen aus der Schule gute Noten mit heim. Und glücklich ist er auch, dass er seine Eltern nachholen konnte. Sein Vater, der vor zwei Monaten starb, hat Osman vor den Wirren des brutalen Krieges bewahren können.

Osman Sejdijaj löst sich allmählich von seiner ursprünglichen Heimat. "Ich bin hier zu Hause. Wir werden unseren Urlaub nicht mehr im Kosovo verbringen. Ich möchte gerne in die Türkei oder nach Spanien reisen und etwas anderes sehen", sagt er. Als er den Bauwagen verlässt, eilt er zunächst in die Innenstadt - Brötchen zum Frühstück für die Mitarbeiter holen. "Bei dem Wetter ...", sagt er und lacht.

Quelle: RP
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