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Viersen/Nettetal
Erich Sanders: Vergast und vergessen

Viersen/Nettetal. Im September 1942 starb der damals zwölfjährige Erich in Kulmhof (Polen). Der jüdische Junge wurde in Kaldenkirchen geboren, lebte viele Jahre in Süchteln. Lehrerin Julietta Breuer kämpft dafür, dass das Kind nicht vergessen wird. Von Jessica Narloch

Julietta Breuer blättert durch einen ihrer Ordner, in denen sie Informationen über Erich Sanders gesammelt hat. "Ich habe mich mal erkundigt", sagt sie schließlich. "Es gibt 264 Anne-Frank-Schulen in 14 Ländern. Wie viele Straßen es gibt, die nach ihr benannt wurden, weiß man nicht, aber es müssen sehr viele sein. Aber was ist mit den anderen 1,5 Millionen Kindern, die starben?", fragt sie mit einem Kloß im Hals. Dass sie nicht für alle diese Kinder einzeln die Erinnerung am Leben erhalten kann, das weiß sie. Darum kämpft sie für den einen Jungen, der nur wenige Straßen von ihrem eigenen Zuhause entfernt in Süchteln gewohnt hat und vor mehr als 70 Jahren in Polen von den Nazis ermordet worden ist.

Seit zwei Jahren recherchiert die Geschichtslehrerin der Gesamtschule Nettetal privat im Fall Erich Sanders und stößt immer wieder auf neue Dokumente. "Das alles begann, als im März 2011 der ,Zug der Erinnerung' am Bahnhof in Viersen haltmachte. Wir haben uns als Schule daran beteiligt. Wir dachten zunächst, es muss in der Umgebung viele Kinder gegeben haben, die deportiert wurden. Doch wir stießen nur auf Erich Sanders. Er war damals das letzte schulpflichtige Kind in Süchteln", erzählt die engagierte Lehrerin.

Seitdem liest sich Julietta Breuer durch die Literatur, steht in regem Kontakt zu Archivaren und Forschern. Dabei stolpert sie über manche falsche Information, doch das Bild vom Leben Erich Sanders' verdichtet sich mit jedem neuen Dokument. Sie erzählt: "Erich wurde 1930 geboren und lebte sechs Jahre lang an der Bahnhofstraße in Kaldenkirchen, wo auch sein Vater geboren wurde. Dann zog die Familie 1936 zu den Großeltern nach Süchteln, der Geburtsstadt der Mutter, in die Tönisvorster Straße. Ab 1938 musste Erich an eine Schule nach Krefeld, weil jüdische Kinder nicht mehr an deutschen Schulen unterrichtet werden durften."

Dank eines Buches aus Düsseldorf kann die Geschichtslehrerin den Weg der Familie genau rekonstruieren. 1939 wurde sie gezwungen, in ein Judenhaus nach Düsseldorf zu ziehen. Dann wurde das sogenannte "Düsseldorfer Kollektiv" – 1003 Juden, davon 66 Kinder – im Rahmen einer der größten Massendeportationen am Niederrhein nach Lodz, Polen, geschafft. Und dort nahm ihr grausames Schicksal ihren Lauf.

"Am 4. September 1942 verkündete der Judenälteste, er müsse 20 000 nicht arbeitsfähige Juden zusammenbekommen, die ausgesiedelt werden sollten", so Julietta Breuer. "Das waren die Alten und die unter Zehnjährigen. Jeder wusste, dass sie nicht ausgesiedelt, sondern ermordet werden würden." Doch mit denen kam man nur auf 13 000 Juden. "Erich Sanders war zu dem Zeitpunkt zwölf Jahre alt, und in dem Juden-Ghetto brach eine Panik aus. Die Menschen versteckten ihre Kinder, konnten nicht glauben, dass man sie ihnen wegnehmen wollte." Erichs Vater Isidor war zwei Monate zuvor im Ghetto verhungert, seine Mutter starb drei Tage nach der Verkündung über die Deportation – angeblich an Herzversagen.

Der zwölfjährige Junge wurde mit anderen Kindern ins 70 Kilometer entfernte Kulmhof (Chelmno) gebracht. "Dort entkleidete man sie, schickte sie in den Keller des dortigen Schlosses, wo sie am Ende eines Tunnels in einem Lastwagen landeten. Dort drin wurden sie vergast", erzählt Breuer. "Das waren die ersten Experimente mit Gaswagen, in denen man früher schon Behinderte vergast hatte. In Auschwitz wurde diese Methode später verfeinert. Die Menschen erstickten nach ungefähr acht Minuten qualvoll." Erich Sanders starb am 11. September 1942.

(RP/ac)
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