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Nettetal
Europa und die deutsche Wiedervereinigung

Nettetal: Europa und die deutsche Wiedervereinigung
In verschiedenen Arbeitsgruppen beschäftigten sich die Jugendlichen aus vier Ländern mit europäischen Fragestellungen. FOTO: Stadt Nettetal
Nettetal. Rund 60 junge Leute aus vier Nationen dachten über die Zukunft der Europäischen Union nach, fuhren nach Brüssel und beschäftigten sich mit dem Untergang der DDR vor 25 Jahren. Von Gregor Anders

Hermann Josef Müller traute seinen Augen nicht. Da stand am 12. November 1989 plötzlich die Verwandtschaft aus Thüringen vor der Haustüre auf der Karl-Egmont-Straße. Sie hatte die unerwartete Öffnung der Berliner Mauer, die auch die innerdeutschen Grenze aufmachte, zur Stippvisite am Niederrhein genutzt. Der mittlerweile 83 Jahre alte Zahntechnikermeister erzählte die Episode aus den turbulenten Wochen Ende 1989 als Zeitzeuge acht jungen Leuten aus Caudebec-en-Caux (Frankreich) und Nettetal. Sie wollten herausfinden, wie das war: nach dem Zweiten Weltkrieg, während des Kalten Krieges, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Müllers Antworten und die des ebenfalls eingeladenen Journalisten Manfred Meis wurden in komprimierter Form zu einem Film zusammengestellt, den die Gruppe dann im Plenum des Europäischen Jugendparlaments vorführte.

Dieses Jugendparlament kam zum 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung im Nettetaler Rathaus zusammen. Gebildet wurde es von rund 60 Schülerinnen und Schülern zwischen 13 und 18 Jahren aus Nettetals Partnerstädten Caudebec, Elk (Polen) und Rochlitz (Sachsen), der Nachbarstadt Venlo und Nettetaler Schulen. Eine Teilnahme Fenlands (England) scheiterte an hohen organisatorischen Hürden der britischen Verwaltung. Den Anstoß hatte Bürgermeister Christian Wagner beim Neujahrsempfang 2014 gegeben, um den Gedanken einer immer größer werdenden Europäischen Union bei jungen Leuten zu verbreiten.

Wie groß soll "Europa" werden? Welche Staaten vom Balkan sollen hinzukommen? Ist die Türkei ein Kandidat? Nach hitzigen Debatten in Arbeitsgruppen kam eine für den politischen Beobachter ernüchternde Antwort: Nur Mazedonien könnte in den Augen der jungen Leute als nächster Staat aufgenommen werden. Zu den Beobachtern zählte der Europaabgeordnete Jens Geier (SPD). Er sprach über seine Arbeit in Brüssel und Straßburg, musste aber auch Fragen zur Situation der Flüchtlinge in Europa beantworten. Er forderte dazu auf, gemeinsame Wege zu finden, die Aufgabe zu bewältigen und den europäischen Gedanken fortleben zu lassen.

Nach so vielen Debatten tat etwas Erholung gut bei einer Fahrt nach Brüssel. Im "Parlamentarium", dem Besucherzentrum des Europäischen Parlaments, entdeckten die jungen Leute über dynamische und interaktive multimediale Darstellungen und mit Hilfe eines persönlichen Multimedia-Guides, was europäische Demokratie bedeutet. Zeit für einen Bummel durch die belgische Hauptstadt blieb ebenfalls.

Beeindruckt war Oriana Gommans (18) vom Zeitzeugen Hermann-Josef Müller. Er berichtete von seiner Zeit bei der Hitler-Jugend im "Dritten Reich" ebenso wie über die Trennung vieler Familien durch den Eisernen Vorhang quer durch Deutschland, denn seine Frau hatte 1951 "rübergemacht", wie die Flucht auch bezeichnet wurde. "Ich fand es sehr gut, Geschichte einmal aus persönlicher Anschauung zu erleben und nicht nur aus Büchern und Filmen", sagte die Gesamtschülerin aus Leuth. Dem stimmte Celine Gläser (17) uneingeschränkt zu: "Wir haben Hintergründe erfahren, die man sonst nicht so hört." "Richtig viel gebracht" hat der Gesamtschülerin aus Kaldenkirchen auch die spielerische Beschäftigung mit den europäischen Institutionen; dabei hat sie gelernt, "dass das alles nicht so eine einfache Sache ist".

Als die "Jungparlamentarier" die Ergebnisse ihrer Arbeit mit Collagen, Theaterspiel, Film und Texten vortrugen, saßen im Publikum neben Wagner auch seine Kollegen aus Caudebec und Venlo, Bastien Coriton und Antoin Scholten. Alle freuten sich, dass die Idee für dieses europäische Jugendparlament auf fruchtbaren Boden gefallen war.

Quelle: RP
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