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Flüchtlinge halfen bei Picknick in Nettetal
"Wir wussten nichts vom Scheich"

Flüchtlinge zum Picknick in Nettetal: "Wir wussten nichts vom Scheich"
Diese Aussicht hatte der Scheich bei seinem Picknick. FOTO: Busch
Nettetal. Die Flüchtlinge aus der Nettetaler Notunterkunft, die beim Picknick Mitte Juli geholfen haben, hätten nach eigener Aussage nicht für den Dubai-Herrscher gearbeitet, wenn sie gewusst hätten, um wen es geht. Die Stadt verteidigt ihr Vorgehen. Von Joris Hielscher und Sabine Janssen

Rashouan Muhamad wird sehr deutlich. "Hätte ich gewusst, dass ich für den Scheich arbeite, ich hätte es nicht gemacht", sagt der 37-jährige Syrer, der seit einem halben Jahr in einer Notunterkunft in Nettetal lebt. Zusammen mit sieben anderen Bewohnern des Flüchtlingsheimes, die aus Syrien, Afghanistan und dem Irak stammen, hatte er Mitte Juli bei dem Aufbau eines Picknicks geholfen, das Scheich Muhammad bin Raschid al-Maktum in einem Naturschutzgebiet in der Nähe veranstaltet hatte.

Muhammad bin Raschid al-Maktum feierte privat in Nettetal. FOTO: dpa

Das Staatsoberhaupt Dubais ist bei Muhamad und den anderen Helfern nicht wohlgelitten. "Die Golfstaaten machen gar nichts für Flüchtlinge", erklärt der Syrer. So würden sie nur sehr wenige hilfesuchende Menschen aus den Kriegsgebieten im Nahen und Mittleren Osten aufnehmen. Auch die anderen Flüchtlinge hätten nicht für den Scheich geschuftet, wenn sie gewusst hätten, um wen es geht, meint Muhamad.

Acht Flüchtlinge halfen bei den Vorbereitungen

Das Nettetaler Scheich-Picknick sorgt damit weiterhin für Wirbel. Vergangene Woche war herausgekommen, dass der Herrscher Dubais am 21. Juli in einem extra abgesperrten Bereich an den Krickenbecker Seen mit seinem 25-köpfigen Tross ein Picknick unter Zelten veranstaltet hatte. Bei 32 Grad und sehr trockenem Boden wurde über offenen Feuerstellen gegrillt. Dabei liegt der Bereich in einem Naturschutzgebiet – und für Normalbürger ist solch ein Handeln strengstens untersagt.

"Die Ausnahme im Naturschutzgebiet kam nicht deswegen zustande, weil der Besucher viel Geld hatte, sondern weil der Ort bestimmten Sicherheitsanforderungen entsprechen musste. Die Bedingung dabei war, dass der Eingriff in die Natur minimal sein musste", erklärt der Nettetaler Bürgermeister Christian Wagner (CDU). So habe das Equipment zu Fuß über einen Bootssteg transportiert werden müssen. Da man schnell, von Dienstagabend auf Mittwochmorgen, Helfer gebraucht habe, sei dem Beigeordneten die Idee mit den Flüchtlingen gekommen, die nur beim Aufbau geholfen hätten, sagt Wagner.

"Wir wurden morgens in das Gebiet gefahren und haben beim Tragen geholfen", erklärt der Syrer Muhamad. Die acht Flüchtlinge hätten dabei geholfen, Zelte und anderes Gerät einen gut 100 Meter langen Weg zwischen Straße und dem Picknickplatz zu transportieren. Etwa zwei Stunden hätten sie mit angepackt, schätzt Muhamad. Währenddessen seien sie mit Getränken versorgt und danach wieder in die Flüchtlingsunterkunft gefahren worden.

 "In der Unterkunft sind wir häufig zum Nichtstun verdammt" 

"Es sollte sehr heiß an dem Tag werden, daher wollten wir genug Leute haben, die anpacken können", erklärt eine Sprecherin der Stadt. Die Flüchtlinge seien auf rein freiwilliger Basis gefragt worden. Zudem sei klar gewesen, dass sie unentgeltlich helfen. Denn weil sie keine Arbeitserlaubnis haben, dürfen sie kein Geld verdienen.

Trotzdem hätten sich sofort genügend Flüchtlinge gefunden, erklärt die Stadtsprecherin. Sogar mehr als nötig. "Als ich gefragt wurde, habe ich auch sofort 'ja' gesagt", erzählt auch Muhamad. "In der Unterkunft sind wir häufig zum Nichtstun verdammt." Denn solange sie dort leben, dürfen sie nicht arbeiten. Auch auf einen Integrationskurs haben sie kein Recht. Deutsch lernt Muhamad dank der Hilfe von freiwilligen Helfern und durch ein Angebot der Diakonie. "Die Arbeit war eine willkommene Abwechslung zur täglichen Routine", sagt er. Zudem habe er aus Dankbarkeit geholfen, die städtischen Mitarbeiter hätten sich sehr für ihn eingesetzt. Die Notunterkunft soll bis Ende September aufgelöst werden, viele der Flüchtlinge wollen in Nettetal bleiben. "Die Stadtverwaltung hat sich für ihr Bleiben eingesetzt", erklärt die Stadtsprecherin.

Der Nettetaler Bürgermeister Christian Wagner (CDU) war zur Zeit des Picknicks in Urlaub. "Natürlich bin ich damit nicht glücklich. Im Nachhinein betrachtet weiß man, worauf man besser hätte achten sollen." Dennoch könne er die Entscheidungen seines Stellvertreters, dem Ersten Beigeordneten Armin Schönfelder, nachvollziehen, der auch unter Zeitdruck gestanden habe. "Für uns war nicht ersichtlich, ob es sich um einen offiziellen Besuch handelte. Es gab unter anderem Gespräche mit der Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate und der Staatskanzlei." Es sei keine konkrete Anweisung erfolgt, den Scheich im Naturschutzgebiet zelten zu lassen, aber bei seinen Mitarbeitern sei schon der Eindruck entstanden, dass die Veranstaltung erwünscht sei. Vor diesem Hintergrund habe sich die Stadt einfach als guter Gastgeber zeigen wollen.

Der Steg muss repariert werden

Die Diakonie Krefeld und Viersen ist Träger der Notunterkunft. Von dem Arbeitseinsatz der Flüchtlinge erfuhr sie erst im Nachhinein. "Wir sind darüber nicht informiert worden", sagt Geschäftsführer Ludger Firneburg. Den Flüchtlingen könne man keinen Vorwurf machen. "Da sind viele hilfsbereite Leute, die vermutlich kaum etwas über das Ereignis wussten", sagt Firneburg. Hayfa Kassas, Vorsitzende des Integrationsrats in Nettetal und ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig, sieht den Vorgang entspannt: "Man hilft sich halt im Alltag."

Einen Geschädigten gab es aber auf jeden Fall: Durch den Transport schwerer Gegenstände wurden die Pfosten des Stegs tief in den sumpfigen Untergrund des Sees gedrückt. Der Steg hat nun ein Gefälle und muss repariert werden. Die Kosten übernimmt der Scheich.

Quelle: RP
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