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Nettetal
Die Stadt zieht inzwischen alle Register

Willkommenskultur: Diese Menschen helfen Flüchtlingen
Willkommenskultur: Diese Menschen helfen Flüchtlingen FOTO: Tinter, privat (6), Dackweile, Kaiser, evers, Miserius, Blazy (2), Strücken, Malz, Knappe
Nettetal. Nettetal rechnet mit weiteren Zuweisungen von Asylbewerbern. Sie hat Gebäude in Kaldenkirchen für 140 Personen angemietet. Sozialdezernent Schönfelder fürchtet, auch die neue Finanzpauschale für Kommunen in NRW reicht nicht. Von Joachim Burghardt

Ihre Zahl wird immer größer, und hinter jeder einzelnen Zahl steckt ein Schicksal, steckt ein Mensch: "Die Zuweisung von Asylbewerbern hat sich in den letzten Jahren dramatisch erhöht", stellte Nettetals Sozialdezernent Armin Schönfelder vor dem Integrationsrat fest. So wurden 2011 lediglich 28 Neuankömmlinge registriert, in diesem Jahr bereits 195. Tendenz: langfristig steigend. Alle Flüchtlinge dürften mit einer freundlichen Aufnahme durch die Nettetaler Bürger rechnen. Unsicher bleibt allerdings: Wer trägt die Kosten, wo sollen die Flüchtlinge wohnen?

"Wir haben keinen Platz mehr in den Unterkünften. Alle sind voll belegt", gab Schönfelder bekannt. Er fasste in der Sitzung die Fakten und Zahlen der vergangenen Wochen zusammen. Mit der Einschränkung: Es sei alles nur eine Momentaufnahme. Danach wohnen derzeit 215 Asylbewerber in den sieben Unterkünften in den Stadtteilen, weitere 74 in Privatwohnungen.

Die Gemeinschaftsunterkünfte am Caudebec-Ring und in der ehemaligen Förderschule am Krankenhaus in Lobberich sowie im früheren Hotel Majestic in Breyell beherbergen ausschließlich Asylbewerber. Die Obdachlosenunterkünfte Schmaxbruch in Breyell und Breslauer Straße in Kaldenkirchen dienen Flüchtlinge und allgemein Wohnungslosen. Weil das Schulgebäude am Sassenfelder Kirchweg nur bis Jahresende zur Verfügung steht, sollen die Bewohner dann in die im Bau befindliche Unterkunft am Caudebec-Ring umziehen.

Chorweiler: So sieht die Zeltstadt für Flüchtlinge aus FOTO: dpa, mb soe

Die meisten der Flüchtlinge haben einen Asylantrag gestellt oder sie haben eine Aufenthaltserlaubnis, wie sie etwa Kriegsflüchtlingen aus Syrien erteilt wird. Knapp 40 Flüchtlinge sind zunächst geduldet. Wie viele von ihnen letztlich bleiben, ist ungewiss. Doch ist wohl davon auszugehen, dass etliche von ihnen Nettetaler Neubürger werden möchten.

Dazu kommen vorübergehend 150 Flüchtlinge, die nach einem Bescheid der Bezirksregierung kurzfristig in der ehemaligen Hauptschule Lobberich untergebracht worden sind: Sie werden in Erstaufnahme-Einrichtungen verlegt, sobald dort Plätze frei werden. Ihre Zahl wird zurzeit auf das Kontingent von Asylbewerbern, die Nettetal zugeteilt werden könnten, angerechnet - aber nicht auf Dauer. Schon "in vier bis sechs Wochen" könnten laut Schönfelder aufgrund des anwachsenden Flüchtlingsstroms nach Deutschland wieder Zuweisungen erfolgen.

Längst hat man sich im Rathaus darauf eingestellt, neue Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen. So gibt es erste Überlegungen, womöglich in der eigentlich ausgedienten Breyeller Notunterkunft Vorbruch Platz für rund 50 Personen zu schaffen. Spruchreif hingegen ist schon das Vorhaben, in Kaldenkirchen im bereits angemieteten Terratec-Gebäude am Herrenpfad 38 rund 80 Flüchtlinge und im ehemaligen Gäste- und Verlagshaus der Steyler Missionare an der Bahnhofstraße 9 weitere 60 unterbringen zu können.

Im ehemaligen "Majestic"-Hotel in Breyell sind seit einigen Monaten Flüchtlinge untergebracht. Das Fahrzeug der "Nettetaler Tafel" unterstützt die Versorgung der Menschen. FOTO: Franz-Heinrich Busch

"Wir gehen davon aus, dass wir im Frühjahr weitere Optionen bereitstellen müssen", vermutete Schönfelder. Eine Liste möglicherweise geeigneter Immobilien arbeite die Verwaltung ab, erläuterte Ina Prümen-Schmitz. Die Leiterin des Fachbereichs Soziales teilte auf Nachfrage im Integrationsrat mit, das ehemalige Karstadt-Gebäude in Lobberich komme nicht infrage, "weil es voll in der Vermarktung steht".

Während für die vorübergehende Unterbringung von Flüchtlingen bis zur Verlegung in ein Erstaufnahme-Lager wie in Lobberich oder bald in Hinsbeck das Land aufkommt, trägt von den Kosten für die Unterbringung regulärer Asylbewerber die Stadt einen Großteil selbst. So wird für dieses Jahr mit rund einer Millionen Euro kalkuliert, wovon nach dem Flüchtlingsaufnahmegesetz der Stadt lediglich die Hälfte erstattet wird. Ein Lichtblick: "Das Land wird seine Finanzierung umstellen", kündigte Schönfelder an. "Wir bekommen pro Person rund 7000 Euro, das wird eine Erleichterung für uns", meinte der Erste Beigeordnete - und schränkte ein: "Ich gehe davon aus, dass diese Pauschale nicht reicht." Entsprechend erneuerte er seine "Aufforderung an Bund und Land, die Kommunen nicht im Stich zu lassen".

Kosten und Zahlen freilich sind nur die eine Seite der Flüchtlings-Thematik, für die die Stadt verwaltungstechnisch zuständig sei. "Aber was das Ehrenamt für die Flüchtlinge leistet, ist viel wichtiger", lobte Schönfelder. Er dankte ausdrücklich "der Nettetaler Flüchtlingshilfe, den Kirchen und Privatleuten" für ihr Engagement. Denn: "Wir haben eine hohe Willkommenskultur dank der Ehrenamtler." Freundlichkeit und Zuwendung seien umso wichtiger, als bei den Flüchtlingen hinter jeder Zahl ein Schicksal, ein Mensch stecke.

Quelle: RP
 
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