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Nettetal
"Heimat" als künstlerisches Element

Nettetal: "Heimat" als künstlerisches Element
Auf unterschiedliche Weise haben sich die verschiedenen Künstler in ihren Arbeiten dem Thema "Heimat" gewidmet. Ihre Werke sind noch bis zum 17. Juli im Kultursaal der Burg Brüggen ausgestellt. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Nettetal. Im Kultursaal der Burg Brüggen zeigen derzeit sechs Künstler, was sie mit dem Heimatbegriff verbinden. Die Werke sind geprägt von unterschiedlichen Zugängen und Einflüssen Von Sigrid Blomen-Radermacher

"Es war einmal" - so fangen Märchen an und so beginnt auch eine vierteilige Federzeichnung von Ulrich Helbig aus dem Jahr 1999. Die Serie erzählt von einer einstmals idyllischen Dorfheimat, die von Autos niedergemäht wird und schließlich in einem Konsumtempel neu "erblüht". Das ist ein Verlust von Heimat, den Helbig hier thematisiert, der vielen Menschen vertraut ist.

Der Begriff "Heimat" ist nicht erst seit den dramatischen Flüchtlingsströmen ein Begriff, mit dem sich manch einer intensiv beschäftigt. In einer Zeit, in der ein großer Prozentsatz der Berufsanfänger die "Heimat" verlässt und eine neue sucht und im besten Falle findet, steht der Begriff in besonderer Weise im Fokus.

So ist es nur folgerichtig, dass das Nachdenken über Heimat auch in künstlerisches Arbeiten einfließt. Michael Globisch, Ulrich Helbig, Marianna Kalkhof, Stefan Resch, Nicole Peters und Petra Wittka sind Künstlerinnen und Künstler des "Berufsverbandes Bildender Künstler Niederrhein". Sie haben sich auf individuelle Weisen dieser Frage angenähert und präsentieren ihre Ergebnisse seit dem vergangenen Wochenende im Kultursaal der Burg Brüggen. Sie sind bissig, kritisch, erzählend, nostalgisch - die Zugänge zur Heimat sind so vielfältig wie die Menschen.

Während Helbig den Finger in die Wunde der Verstädterung legt, zeigt Stefan Resch eine reduzierte und abstrahierte Arbeit mit Erinnerungswert: Er spannt geflickte und weiß grundierte Tücher aus der Nachkriegszeit auf den Keilrahmen. Heimat als Flickwerk aus Erinnerungen? Aus Altem und Vergangenem? Resch lässt bei seinen Arbeiten viel Platz zum eigenen Nachdenken.

Die Gewächshäuser prägen den Niederrhein, immer größer und heller sind sie im Landschaftsbild oft unangenehm präsent und stellen ein Symbol für die Gewinnmaximierung des Gemüseanbaus dar. Peters kreist das Thema realistisch malend ein: Sie zeigt das Gewächshaus im Winter, im Sonnenschein, leer und geöffnet. Aus einem Gewächshausobjekt quillt eine überdimensionierte Kartoffel. Über einen MP3-Player berichtet Peters' Vater darüber, wie es früher so zuging in der Landwirtschaft. Ein Blick auf Heimat, die sich - agrartechnisch - erheblich gewandelt hat.

Auch der Buntspecht gehört zu unserem Landschafts- und Gartenbild dazu. Marianna Kalkhoff präsentiert Fotografien unter dem Titel "nature morte". Ein Specht ist dort zu sehen, der sich auf einer Collage von Kalkhof niedergelassen zu haben scheint. Der Specht symbolisiert die Möglichkeit, seine Heimat zu wechseln, wenn es die Gegebenheiten erfordern. So, wie es auch die Menschen tun.

Rätselhaft wirken die Arbeiten von Petra Wittka aus vielfältigen Materialien wie Metall, Kunststoffe, Porzellan oder Elastomerband. Ihr "Dreiländereck" hat symbolischen Charakter, bezieht es sich doch auf ihre Heimat zwischen drei Ländergrenzen. Heimat als unsicherer Ort? Michael Globischs bringt mit seinen kritischen Arbeiten einen gänzlich anderen Aspekt von Heimat ein: In seinen Computercollagen taucht das Wort "Heimat" in der typischen Frakturschrift der Nationalsozialisten auf. Heimat als missbrauchter Begriff. Als ein Topos, der bewusst Menschen ausschließt.

Eine Ausstellung zum Thema "Heimat" kann nur einen flüchtigen Blick auf diese komplexe Problematik werfen. Sie trifft sicher den Kern des Denkens des einen Besuchers, während der andere seine Vorstellung in keiner der Arbeiten wiederfinden mag. Doch wenn sie das Nachdenken beim Betrachter anregt, ist ein Ziel der Ausstellung sicher schon erreicht.

Quelle: RP
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