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Nettetal
Hochachtung vor Niedieck-Arbeitern

Nettetal: Hochachtung vor Niedieck-Arbeitern
Das einst florierende Unternehmen Niedieck in Lobberich steht heute leer. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Nettetal. Beim Heimatverein "Stammtischrunde" plauderte Richard Selbach aus seiner Zeit in der Führungsetage der Niedieck AG und der Girmes-Werke. Viele Zuhörer sahen bei dieser Gelegenheit ihren früheren Chef wieder. Von Manfred Meis

Neben den Niedieck-Fabrikmauern ist Richard Selbach aufgewachsen, doch "habe ich noch nie so viele Einzelheiten über die Niedieck-Geschichte gewusst wie heute", gestand der frühere Vorstandschef. Als Gast der "Stammtischrunde" plauderte er nun über seine Jahre in dem Unternehmen, das einige Jahrzehnte in der textilen Welt mit seinem Vater Erich in einem Atemzug genannt wurde. Das Wissen stammt aus dem kürzlich erschienenen Buch "Samt und Seide", in dem Aufstieg und Fall der Textilindustrie in Lobberich dargestellt werden. "Manche Darstellungen und ihre Begründungen sieht man als Insider etwas anders", urteilte Selbach, doch nirgends habe er bisher eine so kompakte und umfassende Darstellung gefunden.

Der aus Essen stammende Rechtsanwalt Erich Selbach (1905 bis 1985) kam mit dem Girmes-Konzern und damit Niedieck Mitte der 1930er-Jahre in Kontakt, als er zum Aufsichtsratmitglied bestellt wurde. In Krefeld hatte er sich nicht nur durch die Heirat mit Ursula von Beckerath, deren Familie einen stattlichen Anteil am Girmes-Kapital besaß, einen Namen gemacht, sondern auch als Justiziar des Garnfärbers Floris. Er klagte wegen des Wasserpreises gegen die Stadt, "was man eigentlich damals nicht tat" – und gewann. 1939 wechselte er in den Girmes-Vorstand. Die Familie zog 1940 nach Lobberich in die Villa van der Upwich und wohnte bis 1948 in der ersten Etage (wo später Dr. Jürgen Albig seine Praxis hatte). "Dann sind wir ins Treibhaus umgezogen, das nach und nach zu einem Wohnhaus umgebaut wurde", sagte Richard Selbach mit Bedauern. Denn "hier hatte man nicht mehr den schönen Blick von oben in den Park". Von den Niedieck-Arbeitern habe der Vater immer "mit Hochachtung gesprochen". Mit vielen habe er während des Krieges Stunden im Luftschutzkeller zugebracht.

An der Girmes-Spitze hat Erich Selbach, das "Wunderkind der deutschen Textilindustrie" (Die Zeit), bis 1972 gestanden, dann wechselte er in den Aufsichtsrat. Sein Sohn Richard, 1941 in Lobberich geboren und Diplom-Physiker, war 1967 nach Niedieck gekommen und sammelte zunächst Erfahrung in der zweiten Führungsebene, ehe er im September 1971 in den Vorstand aufrückte. Als Sprecher war er auch im Girmes-Vorstand. Seinen Vater hatte er bis September 1982 als Aufsichtsrat "über sich". Beide waren nicht immer einer Meinung, wenn es um Investitionen in die Technik ging, sagte Richard Selbach: "Er war vorsichtiger als ich, denn er wollte wegen nötiger Kredite partout nicht in die Hand der Banken fallen."

Im Nachhinein erscheinen einige Firmenübernahmen (Reichel Rheinberg, Mechanische Viersen) als nicht geglückt. Doch "wir mussten aus unserer Sicht Konkurrenten zuvorkommen", sagt Selbach heute. Bis 1984 gehörte er den Vorständen in Lobberich und Oedt an. Weder zur Zeit seines Vaters, der wegen der üppigen Dividenden auch "Mister 20 Prozent" genannt wurde, noch zu seiner Zeit hätten die Unternehmen Verluste geschrieben. Immerhin erreichte man einen Umsatz von 500 Millionen Mark, "auf den wir alle stolz waren und es auch sein durften". Auch habe es in der Selbach-Ära keine Entlassungen gegeben. Zur Entwicklung nach 1984, als es mit Niedieck und Girmes bergab ging, bis zur Schließung 2003 äußerte sich Selbach nicht.

(RP/ac)
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