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Nettetal
Im Krieg unter der Sonne Jamaikas

Nettetal: Im Krieg unter der Sonne Jamaikas
FOTO: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)
Nettetal. Der Kaldenkirchener Hellmuth Bahrs hat den Zweiten Weltkrieg im Internierungslager in Jamaika überlebt. Bis heute prägen ihn die Jahre, die er in der Karibik verbracht hat Von Constanze Juckenack

Hellmuth Bahrs wartet auf dem sinkenden Schiff auf den Feind. Es ist dunkle, funkelnde Nacht in der Bucht von Curaçao, als der Funkspruch aus Deutschland kommt: Versenkt das Schiff, sonst fällt es den Holländern in die Hände.

Die Mannschaft auf der Henry Horn gehorcht. Sie öffnet die Flutventile, Wasser rauscht in den Rumpf. Die Besatzung steht an Deck. "Wir hatten keine Angst", sagt Hellmuth Bahrs. Bis 5 Uhr morgens harrt er an diesem 11. Mai 1940 auf Deck aus. Dann kommen die Holländer und bringen ihn mit einem Lastwagen in ein Lager.

Hellmuth Bahrs hatte Glück. Während Deutschland unter Bomben versank, lebte er im Lager in der Karibik. FOTO: Busch, privat

Hellmuth Bahrs ist heute 95 Jahre alt. 1947 kam er nach Kaldenkirchen, inzwischen ist er dort bekannt wie ein bunter Hund. Bahrs gründete eine Firma, machte Sport, engagierte sich in der Leichtathletik- und Tennis-Abteilung des TSV Kaldenkirchen. Er schrieb Lieder und brachte CDs heraus. Bahrs ist Vater und Großvater, in zweiter Ehe verheiratet. Man kann sagen, dass er ein reiches Leben gehabt hat, vielseitig, voller Reisen und spannender Erlebnisse. Doch vor allem die Jahre im Internierungslager in der Karibik lassen ihn bis heute nicht los.

Geboren wurde Bahrs 1920 in Dresden. Er wächst mitten in der Stadt auf. Wie alle Dresdner leiden auch er, seine Eltern und sein Bruder Hunger. "Das war eine schwere Zeit. Aber wir kannten es nicht anders. Es ging allen so", erinnert er sich. Als Hitler die Macht ergreift, erlebt Bahrs, wie viele Menschen Arbeit finden und es ihnen besser geht. "Die Leute haben ihm deshalb zugejubelt", glaubt er heute. An Krieg habe niemand gedacht.

Sein Vater jedoch scheint zu merken, dass etwas passieren wird. Er bringt seine Jungen außer Reichweite, indem er ihnen hilft, bei der Reederei Horn in Hamburg anzufangen. Sie unterhält mit drei Schiffen einen Linienverkehr in die Karibik. Mit 17 Jahren heuert Bahrs an. "Nach Hamburg zu reisen war damals eine Weltreise für mich." Bis dahin kennt er nur Dresden und das nahe gelegene Dorf, aus dem seine Mutter stammt. Auf einmal geht es hinaus in die Welt.

Auf dem Schiff ist Bahrs Zahlmeister-Assistent. Er hat in Dresden eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Das hilft ihm bei seiner neuen Aufgabe: Er kontrolliert alle Waren und die dafür gezahlten Preise. 1939 reist er für das vorerst letzte Mal nach Dresden und besucht seine Familie.

Seine Eltern sieht er zum letzten Mal. Beide kommen im Bombenhagel in Dresden ums Leben, die Wohnung der Familie wird zerstört. Aus Bahrs Familie überlebt nur sein Bruder den Krieg, der in einem Rüstungsunternehmen in Berlin beschäftigt ist.

Bahrs selbst geht im Juli 1939 ungemustert an Bord des Schiffes und reist gen Puerto Rico. Dort sprechen die Hafenarbeiter von einem bevorstehenden Krieg mit Deutschland, während in Bahrs Heimat keiner einen Krieg erwartet habe. "Die Hafenarbeiter wussten mehr als wir", glaubt Bahrs.

Dann erhält die Henry Horn aus Deutschland den Befehl, in die Privatbucht der Reederei in Curaçao zu fahren und dort zu ankern. Am 10. Mai 1940 überfällt Deutschland die bis dahin neutralen Benelux-Staaten. Nun soll die Mannschaft ihr Schiff versenken, befolgt den Befehl, erinnert sich Bahrs.

Als die Holländer an Bord kommen, ist nur noch ein Teil des Decks zu sehen, das Schiff ist fast versunken. Die Holländer bringen Bahrs zunächst auf die Nachbarinsel Bonaire, dann geht es weiter in die britische Kolonie Jamaika. Dort leben die Gefangenen in nach Nationen getrennten Lagern in Holzbaracken. "Im Vergleich mit dem Geschehen in der Welt hatten wir es gut", erzählt Bahrs heute. An Krieg oder an Feinde, habe er bald nicht mehr gedacht.

Stattdessen hat er Zeit, Sport zu machen. Bei einem ebenfalls internierten Lehrer büffelt er für lagerinterne Abiturprüfungen. Außerdem arbeitet er, erkundet mit einem anderen Lagerinsassen die Blue Montains auf der Suche nach einer Möglichkeit, Wasser aus den Bergen auf die Felder des Militärgeländes zu leiten. Nach den Plänen werden die Leitungen verlegt. Bei Besuchen Jahre später sieht Bahrs, dass sie noch immer benutzt werden.

Das Lagerleben wird immer lockerer. Bald darf Bahrs auch außerhalb des Lagers Sport machen, er lernt viele Jamaikaner kennen. Dabei sieht er auch, wie schwierig und entbehrungsreich ihr Leben ist.

"Wenn heute einer schimpft, dann denke ich noch immer daran, wie die Menschen dort damals gelebt haben", sagt Bahrs. Arm, mit vielen Entbehrungen - aber glücklich. "Obwohl sie im Vergleich mit uns kein leichtes Leben hatten, waren sie wunderbare Menschen, voller Lebensfreude", sagt er.

Als der Krieg vorbei ist, bleibt Bahrs zunächst in der Karibik. Erst kurz vor Weihnachten 1946 erreicht er Hamburg und trifft ein Jahr später seinen Bruder wieder. Dieser zieht nach Kaldenkirchen, Bahrs folgt ihm und findet eine neue Heimat.

Doch Jamaika bleibt ihm im Gedächtnis. "Nie wieder habe ich Menschen kennengelernt, die mit einem lachenden Herzen das gewiss nicht leichte Leben so gut gemeistert haben wie in Jamaika", erinnert er sich.

Quelle: RP
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