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Nettetal
Im Mittelalter sprachen Schöffen hier Recht

Nettetal: Im Mittelalter sprachen Schöffen hier Recht
Hoch oben, auf der unwirtlichen Heide, waren die Gerichtsstätten des Herzogtums Geldern für den Bezirk Krickenbeck angesiedelt. Die Flächen wurden im Ramen der "Euroga 2002plus" freigelegt und wieder sichtbar gemacht. An den einzelnen Stellen gibt es Hinweistafeln mit Erklärungen, vom Schöffengericht über Geer und Galgenberg bis zur Geestekull. FOTO: Franz-Heinrich Busch
  • Bezeichnung Bei der Erforschung von Hinrichtungsstätten in der niederländischen Nachbarprovinz Limburg ist der Hobbyhistoriker Sjraar Verkoijen auf die Hinsbecker Honschaft Hombergen gestoßen. Er erklärt ihren Namen als "Galgenberg" und taucht tief ins Mittelalter ein, als ein Körper als "hom" (altsächsisch) oder "ham" (althochdeutsch) bezeichnet wurde. Er entdeckte diese Wörter wieder in "lichoma" und "likhamo", Vorläufern des modernen niederländischen Wortes "licham" (Körper). Mit dieser Namensinterpretation konfrontiert, mussten die Hinsbecker Ortshistoriker Hans Kohnen und Heinz Koch passen. Davon hatten sie noch nichts gehört. Gerichtsverkauf Die Gerichtsbarkeit auf der Geer wurde 1673 privatisiert.
  • Langjährige Kriege hatten die Finanzen so strapaziert, dass Leuth, Hinsbeck, Lobberich, Wankum, Herongen und Grefrath als erbliche Lehen an Wolfgang Wilhelm von Schaesberg auf Schloss Krickenbeck verkauft wurden. Er erhielt damit die hohe, mittlere und niedere Gerichtsbarkeit, das Recht zur Aufstellung von Schultheissen, Schöffen und anderen am Gericht tätigen Personen. Damit war die Bedeutung der Geer dem Untergang geweiht. Proteste der Schöffen aus den einzelnen Gemeinden des Amtes Krickenbeck führten nur kurzzeitig zur Aufschiebung des Verkaufs. Verhindern konnten sie ihn nicht. Die Geer war "een rauwe Cuyl, gegraven in midde van een woeste heyde" (Schaesberg) - als Areal folglich wertlos.

Von Manfred Meis

Als im Winter der 1950erJahre noch richtig viel Schnee fiel, war es ein besonderes Vergnügen, bäuchlings auf dem Schlitten (oder auch sitzend) vom Hinsbecker Höhenplatteau aus "in die Tiefe" zu fahren - nicht nur in der Nähe des Amandusbrunnens, sondern auch - mit einem wohligen Schauer in der Magengegend - vom Galgenberg aus. Dieser lag einige Meter weiter nordwestlich vor dem Taubenberg, auf dem heute der Aussichtsturm steht.

Wenn man Glück und gut gleitende Kufen am Schlitten hatte, endete die Fahrt erst in den Wiesen der Bauernhöfe in Hombergen. Heute sind diese Schlittenfahrten auch bei viel Schnee nicht mehr möglich. Die damaligen Pisten sind teilweise völlig zugewachsen. Doch auf unserem Galgenberg der Kindheit liegt ein großer Findling, in den der Schriftzug "GALGENBERG" gemeißelt wurde.

Allerdings liegt ein Findling mit gleichem Schriftzug seit einem Dutzend Jahren auch 400 Meter weiter östlich, auf 80 Meter Höhe über dem Meerespiegel. Und wenn wir hier vorbeiwandern, erfahren wir an Schautafeln, warum er dort liegt. Denn wir befinden uns auf der Richtstätte des mittelalterlichen Gerichtes: "op de geer". Zuständig war es für den Bereich "Land Krickenbeck", also die "Herrlichkeiten" (Gemeinden) Lobberich, Hinsbeck, Leuth, Grefrath, Herongen und Wankum. Die Städte Venlo und Viersen, ebenfalls zum Amt Krickenbeck gehörend, hatten eigene Gerichte.

Dass wir uns heute an ein Stück unserer Geschichte wieder erinnern können, verdanken wir der Idee, eine Landesgartenschau dezentral mit europäischem Aspekt auszurichten. Der Hinsbecker Verkehrs- und Verschönerungsverein (VVV) sicherte sich Zuschussgelder und ließ die Landschaftsarchitektin Maja Kohte planen. Weil es "unser Anliegen war, die Erinnerung an diesen Ort wach zu halten", mussten etliche Bäume und Sträucher gerodet werden. Dort, wo früher vielleicht einmal das Blut von Verurteilten geflossen war, hatte die Natur längst wieder alles überdeckt.

Eigentlich sind zwei Stätten der Rechtsprechung wieder erstanden. Zum einen die Schöffenschlucht westlich der Kaiserallee, von der Jugendherberge Vierlinden in Richtung Schloss Krickenbeck. Von ihr ist nicht viel übrig, weil sie verfüllt wurde, als ein Westwall-Bunker im Zweiten Weltkrieg entstand.

Das Schöffengericht, aus Grundbesitzern gebildet, verhandelte alle Fälle und fällte Urteile. Wenn es sich nicht "weise" genug fand, gab es den Fall ab an das Landgericht "op de geer", das aus dem Landschultheiß und jeweils zwei Schöffen aus den Gemeinden bestand. Es war auch zuständig für Widersprüche gegen Urteile des Schöffengerichts und für Streitigkeiten zwischen den Gemeinden. Schließlich gab es noch den Obergerichtshof in Roermond - die Stadt war zu jener Zeit auch Sitz des Oberquartiers des Herzogtums Geldern. Das Landgericht tagte auf einer Fläche östlich der späteren Kaiserallee, die Maja Kohte im Buschwald wieder sichtbar gemacht und mit einem Holzdreieck eingefasst hat. Das war vor 500 Jahren nicht nötig, damals wuchs hier nur Heidekraut. Schafe und Schweine sorgten dafür, dass Bäume und Sträucher keine Chance zum Aufwuchs hatten.

Deshalb sah man zum Tode durch den Strang verurteilte Delinquenten von Hombergen und Krickenbeck her, wenn sie am Galgen baumelten. Zur Abschreckung hingen die Gehenkten dort einige Tage, wenn nicht gar mehrere Wochen lang. Dann wurden die Leichname in der Geestekull am Fuß des Galgenbergs verscharrt. Dank der "Euroga 2002plus" kann der Mensch im 21. Jahrhundert die Szenerie nachempfinden. Denn 200 Meter von der Gerichtstagungsstätte wurde der bis dato unbekannte, aber ursprüngliche Galgenberg aus dem Gebüsch geschlagen - mit einer Schneise zur Geestekull, wo man auf Ruhebänken der Hingerichteten gedenken kann. Ob im Sumpf unterhalb des steil abfallenden Geländes nun wirklich Leichname abgesunken sind, ist nicht festgestellt worden.

Doch der Wanderer braucht nicht nur schaurige Gedanken zu haben. Die Gerichtsstätte war nämlich auch Treffpunkt für die politische Elite. Überliefert ist, dass der Venloer Bürgermeister 1397 zur "geer" ritt, dass sich Abordnungen der Gemeinden zum "Heimgeding" trafen, um über Rechte und Privilegien aufgeklärt zu werden. Im Dezember 1465 wurden Ritterschaft, Landschöffen und Geschworene geladen, um Herzog Adolf von Geldern zu huldigen. Die Viersener Schöffen und Geschworenen kamen 1570 nach Hinsbeck, als ein neuer Amtmann vereidigt wurde.

Das Gericht verlor seine Bedeutung, als 1673 Herrschaftsrechte verkauft wurden: Hinsbeck, Leuth, Wankum und Herongen fielen an den Freiherrn von Schaesberg, Lobberich an die Herren von Bocholtz. Recht gesprochen wurde im Schaesbergschen Beritt nun im Schloss Krickenbeck, Rad und Galgen von "op de geer" wurden aber noch weiter genutzt, bis Franzosen und Preußen das Kommando im Rheinland übernahmen.

Quelle: RP
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