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Nettetal
Jugend trägt Erinnerungskultur in sich

Nettetal. Gesamtschüler aus Nettetal haben weitere Schicksale jüdischer Bürger erforscht, die von den Nazis verschleppt und ermordet wurden. Der Künstler Günter Demnig kam erst mit Verspätung, denn er hatte sich im Datum geirrt. Von Philipp Peters

Annähernd hundert Bürger auch aus anderen Stadtteilen Nettetals versammelten sich zum zweiten Mal in Kaldenkirchen, um dabei zu sein, wenn Günter Demnig weitere Stolpersteine im Ortszentrum verlegen sollte. Die Gesamtschüler und ihre Lehrerin Julietta Breuer, Pfarrer Andreas Grefen und Bürgermeister Christian Wagner waren da – nur Demnig und die Steine fehlten. Später stellte sich heraus, dass der Künstler noch im Hotel war, weil er sich im Datum geirrt hatte. Er kam später, nach dem offiziellen Teil, und holte seine Arbeit nach.

Bei klirrender Kälte hatte Demnig schon im Februar 2012 in Fähr- und der Steyler Straße Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an die verschleppung und den gewaltsamen Tod jüdischer Bürger durch Nationalsozialisten und ihre Helfer. Hatte die Kälte seinerzeit wohl doch einige Bürger abgehalten zu kommen, so war diesmal das Interesse größerUnter den knapp hundert Anwesenden waren der Bürgermeister und beide Beigeordnete, Vertreter von Parteien, Vereinen sowie Schulleiter und andere Offizielle. Dazu kamen aber auch viele Bürger, wie beispielsweise eine Mutter, die mit ihren beiden Kindern etwas schüchtern das Geschehen verfolgte. Auf einem Balkon über der Baugesellschaft in der Synagogenstraße filmte ein Jugendlicher die Zeremonie.

Roland Schiefelbein, Leiter der Gesamtschule Nettetal, deren Schüler diese Form der Erinnerung initiiert hatten, würdigte die bereits vorher geprägte Erinnerungskultur in Kaldenkirchen. Er verwies auf die Grundrisse der Synagoge und die Gedenkplatte am Haus der Baugesellschaft, die der Bürgerverein veranlasst hatte. Er unterstrich, eds sei wichtig, dass die junge Generation aktiv erinnert. "Durch das Projekt Stolpersteine haben unsere Schüler die Möglichkeit, den außerschulischen öffentlichen Raum mitzugestalten. Dies ist für sie eine einmalige und nachhaltige Chance, politisch aktiv zu handeln", betonte Schiefelbein. Dass dies nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigte ein Zwischenfall am Rande mit einem antisemitischem Ausruf kam, als Insassen eines Autos aus Mülheim/Ruhr die Veranstaltung störten.

Bürgermeister Christian Wagner stellte fest, es sei ein "innerer Zwang" zu erinnern, er lobte das Selbstvertrauen der Bürger dies öffentlich zu tun. Die Schüler erinnerten unter dem Motto "Jeder Mensch hat einen Namen" an die Familien, für die Steine verlegt wurden. Vor ihren letzen Wohnhäusern vor der Deportation schilderten die Schüler, um wen es sich handelte. Sie zählten ihren Weg der Deportation auf. Dafür hatten sie in Archiven geforscht und mit Zeitzeugen gesprochen. Zur Veranschaulichung reichten sie Fotos und Kopien von Dokumenten herum. Anschließend legten sie für jedes Familienmitglied Gedenkkerzen und Rosen ab.

Am Ort der abgetragenen Synagoge sprach Rabbiner Yiezhak Hoenig ein Gebet zum Gedenken der Opfer. Hier liegen nun die Stolpersteine aus Messing für Emil Simon, Friederike Simon geborene Sanders und Salli Simon. In der Bahnhofstraße 77 liegen Steine für Isaak Isidor Sanders, Sophia "Grete" Sanders geborene Baum und Erich Sanders. In der Hockstraße 8 liegt ein Stein für Jakob Hoffstadt. Zum Stein von Hedi Lion sind die für ihre Eltern Jakob und Berta Lion geb. Sanders hinzugekommen. Im Dezember werden Steine in Breyell verlegt.

Quelle: RP
 
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