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Nettetal
Kings in Nettetal — ein Band fürs Leben

Nettetal. 1967 eröffnete in Kaldenkirchen eine "Tanzhölle", die längst legendären Status genießt: Heute abend wird gefeiert Von Ludger Peters

Ins Kino gingen die meisten Kaldenkirchener schon länger nicht mehr. Aber dass die vertraute "Schauburg" an der Venloer Straße umgestaltet wurde in eine "Tanzhölle" (einige meinten auch "Tanzhöhle"), sorgte für viel Aufregung in der Bürgerschaft. Das Misstrauen legte sich auch nicht nach der Eröffnung. Wo kam man denn hin, wenn ein Etablissement an vier Tagen in der Woche Tanzveranstaltungen organisierte?

Es war zukunftsträchtig, wie sich heute zeigt. Die Diskothek "Kings" hat einige Stürme und Namensänderungen überstanden. Nun schaut der heutige Betreiber Gino Monsanto mit seinen Freunden zurück auf die 1980er-Jahre. Besucher heute Abend sollten aber in jedem Fall älter als 25 Jahre sein. Allerdings ist der Betrieb ein ganzes Stück älter.

In die beschauliche Kleinstadt zog 1967, mit leichter Verspätung, die Jugendkultur der 1960er-Jahre ein. Ihren Namen hat sie im Prinzip bis heute behalten. Die "Film-Diskothek King's Club" ist später auf "Kings", ohne den lästigen Apostroph, verkürzt worden. Ganz so weit reicht die Veranstaltung nicht zurück. Sie bezieht sich auf die 1980er-Jahre, die Blütezeit von Diskotheken, von denen viele aber schon im Niedergang waren. Angeheizt hat ihr Geschäft der Film "Saturday Night Fever" mit John Travolta in der Hauptrolle. Er wischte die Subkultur hinweg, der Jugendliche seit dem Start des Beat-Zeitalters über Woodstock (1968) bis hin zur Punk-Bewegung gefrönt hatten. Diskotheken-Publikum galt eher als angepasst und anfällig für Glamour. Man trug Minipli, Schulterpolster und aufgekrempelte Jackett-Ärmel.

Das war 1967 noch anders. In dem früheren Kino hinter dem ehrwürdigen Hotel Weingarten kombinierte Hans Pelters damals Film und Tanz. Der "King's Club" war deutschlandweit die zweite Diskothek dieser Art (nach Köln) und zeitweilig tatsächlich die größte Film-Diskothek im Lande. Von Anfang an dabei war Helmut Töpfer, dessen Fähigkeiten als Filmvorführer gebraucht wurden. "Der erste Geschäftsführer des King's erkrankte. Ich wurde gefragt, ob ich einspringen könnte", erinnert sich Töpfer. Er konnte - und blieb es 35 Jahre lang. Dabei bildete er lange Zeit ein Tandem mit Franz-Josef Albert aus Erkelenz, der 1968 die Diskothek übernahm. Sitzgruppen an den Wänden und die große Tanzfläche in der Mitte machten jedem Besucher klar: Hier tanzt die Jugend. Im Springbrunnen an der Bühne hat mancher ungestüme Mensch damals auch gelegen. Neben dem "Flash Light" und anderen Lichtspielereien lockten anfangs tatsächlich die Filme, die als etwa viertelstündige Schnipsel in den Tanzpausen auf die immer noch vorhandene Leinwand geworfen wurden.

Auf der Bühne davor standen etliche Stars und Sternchen jener Zeit. The Equals, Status Quo, Casey Jones als Bands oder Solisten wie Judy Cheeks, Bernhard Brink, Wolfgang Petry, Thomas Fritsch oder auch Adam & Eve, die im spektakulären Blümchen-Mercedes vorfuhren, unterhielten die Besucher prächtig. Chris Howland war ebenfalls Gast des King's - damals ausgesprochen trinkfest, wie sich Töpfer erinnert.

Ärger hat es nach seinen Erzählungen nur selten gegeben. "Heute geht ohne Security ja nichts mehr. Solange ich im Geschäft war, ich bin 2002 ausgestiegen, brauchten wir das nicht", sagt er nachdenklich. Töpfer hatte stets ein großes Geschick im Umgang mit der Bürgerschaft. Zur Polizei hatte er ein sehr entspanntes Verhältnis, die Feuerwehr durfte in der Diskothek früh morgens üben - einige Gäste waren bereit, dafür Leichen oder Verletzte zu mimen.

Getanzt wurde ab 1967 mittwochs, freitags, samstags und sonntags. Schützenfeste, Karnevals- und Jugendbälle hatten ihr "Alleinstellungsmerkmal" für Jugendliche verloren. Die Konzession musste immer neu beantragt und bezahlt werden, anfangs war um 3 Uhr in der Frühe von Samstag auf Sonntag Schluss.

Auffällig ist die Treue nicht nur Helmut Töpfers zum King's. Ein großer Teil des Personals ist über Jahrzehnte geblieben, ob hinter der Theke, als Bedienung oder als Reinigungskraft. Im Corso Film-Casino unterstützt beispielsweise Irmgard Hoffmann Töpfer immer noch, sie war auch im King's der späteren Jahre tätig. Das galt übrigens auch für die Discjockeys, die später der Einfachheit halber auf DJs verkürzt wurden. Pascal war der Erste, der Platten auflegte und später auch bei RTL tätig war. Zu ihm hat Töpfer den Kontakt inzwischen verloren. Eng verbunden war er mit Burk Mertens, der ebenso wie Bodo Krohn 15 Jahre Musik auflegte. "Die Beiden haben sich aber nicht darauf beschränkt, sondern Abende moderiert, viele Ideen eingebracht und dafür gesorgt, dass das Publikum blieb und zurückkam. DJs sind wichtiger als jeder andere in so einem Betrieb", meint Töpfer. Bodo ist immer noch im Geschäft, er promotet Künstler (unter ihnen Anette Esser als "Achnes Kasulke"), während Burk lange bei Radio Köln und auf Mallorca Musik machte und viele Jahre noch Sitzungspräsident in Köln war. Er starb vor einigen Jahren an Herzversagen.

Anfang der 1980er-Jahre wurde die Diskothek grundlegend umgebaut und umgestaltet. Glimmer und Glamour hielten Einzug. Albert und Töpfer zogen sich zurück, die Diskothek kam in andere Hände und hieß plötzlich "New York". Ein Reinfall sondergleichen, den das Tandem ein halbes Jahr später auffing. Danach hieß die Diskothek nur noch schlicht "Kings". 1990 erwarb Heinz-Gerd Dammer den Komplex, ein halbes Jahr später starb Albert. 1998 folgte dann erneut ein größerer Umbau. "Man muss in dem Geschäft die Häuser regelmäßig umgestalten, die Abstände werden aber immer kürzer. Ob die Erträge den Aufwand rechtfertigen, steht auf einem anderen Blatt", sagt Töpfer.

Die nostalgische Veranstaltung heute Abend organisiert Gino Monsanto, der die Regie des Hauses vor einiger Zeit übernommen hat. Auch er war zeitweilig DJ (wie übrigens DJ Sash! ja auch). Die Glanzzeiten sind vorüber, das Publikum und die Bedürfnisse junger Menschen haben sich gewandelt.

Projektbezogen könne man noch einiges machen, sagt Töpfer. Ein bisschen wehmütig erinnert er sich, dass "der King's" mal das Zugpferd schlechthin war. 587 (!) Brautpaare hat er dort am Tag ihrer Hochzeit bewirtet. "Für sie gab es immer eine Flasche Sekt." Und im King's/Kings ist so manches Band fürs Leben geknüpft worden.

Quelle: RP
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