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Nettetal
Lobberich: Coole Stadt mit Bausünden

Nettetal: Lobberich: Coole Stadt mit Bausünden
Nichts macht die Widersprüchlichkeit Lobberichs deutlicher als das Bild der "Skyline": Einerseits ist Lobberich eine turmreiche Kleinstadt mit dichter Infrastruktur, andererseits ist auch die "Hauptstadt" Nettetals von ländlichen Strukturen geprägt. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Viersen. Der Bäcker, die Kirche, der Sportverein . . . Die Nettetaler kennen ihre Ortsteile. Aber wie würden Fremde sie wahrnehmen, wenn sie dort auf einen Kaffee halten. Aus der Perspektive stellen wir Nettetals Stadtteile vor. Heute: Lobberich. Von Sabine Janssen

Ist sie es, oder ist sie nicht? Die heimliche Hauptstadt von Nettetal? Immerhin hat Lobberich ein Amtsgericht, ein Krankenhaus und eine Arbeitsagentur, aber Kino und Bahnhof gibt es nicht mehr. "Ätsch" denken jetzt vielleicht die Kaldenkirchener und Breyeller.

"Ganz ehrlich: ja, es ist die heimliche Hauptstadt", sagt Helmut Schatten, Eigentümer und Gastwirt von "Stadt Lobberich", mit einem Augenzwinkern und wohlwissend, dass er gerade das alte Vorurteil von der Lobbericher Überheblichkeit schürt. "Jeder Stadtteil hat seine Stärken und Schwächen", sagt Schatten. Aber in Lobberich komme eben viel Gutes zusammen: schöne Einkaufsmöglichkeiten, gute Wohnqualität, gute Verkehrslage. "Hier ist alles schnell zu erreichen", sagt Schatten.

Der Lebensturm auf dem Naturschutzhof und Ferkelrennen beim Ferkesmarkt sind auch ein Teil Lobberichs. FOTO: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)

Überheblichkeit wird dem größten Nettetaler Stadtteil gern von seinen Mit-Kommunen unterstellt. Bei einer Stippvisite ist davon nichts zu merken. Eher von einem gerüttelt Maß an Ironie, wenn man die beiden tuschelnden Statuen vor dem Rathaus mit dem Titel "Die Neuigkeit" oder den "Wenkbüll" vor dem alten Rathaus betrachtet. Allzu ernst scheinen sich die Lobbericher nicht zu nehmen. Das bestätigt auch der Gastwirt. "Ich bin sogar hier geboren. Danach haben sie die Geburtsstation zugemacht."

Trockenen Humor beweisen die alteingesessenen Lobbericher Damen im Café Floral auch. "Ich habe Goldhochzeit gefeiert - sogar mit Mann", sagt Marianne Barz (80) zu ihrer Freundin. Das muntere Trüppchen war einst ein Kegelclub, vier Kegelschwestern sind sie noch. "Die anderen sind schon verstorben", sagt Hannelore van Megen, mit 76 Jahren die Jüngste in der Runde.

Der Lebensturm auf dem Naturschutzhof und Ferkelrennen beim Ferkesmarkt sind auch ein Teil Lobberichs. FOTO: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)

Alle sechs Wochen etwa treffen sich Hannelore Roumen (78), Marianne Barz, Irmgard Gruteser (78) und Hannelore van Megen auf einen Kaffee. Bis auf Gruteser ("Ich bin von Dülken") sind sie alle in Lobberich geboren. Dort haben sie gearbeitet, geheiratet und dort leben sie noch heute.

"Ich fühle mich hier wohl. Ich würde nirgendwo anders hinwollen", sagt Hannelore Roumen. Gut, ein bisschen Gewohnheit sei auch dabei. "Unsere Umgebung ist schön", sagt van Megen. "Wir sind die Seenstadt am Niederrhein. Es gibt unendliche Möglichkeiten zu wandern vor der Haustür."

Helmut Schatten ist von seiner Heimatstadt überzeugt. FOTO: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)

Die Innenstadt kommt bei den Lobbericher Seniorinnen weniger gut weg. "Früher was sie schön, aber heute ist sie tot." Es gebe kaum noch Kneipen. Früher habe man in mehreren Reihen vor dem Tresen gestanden. Heute gebe es eine persönliche Anbindung vor allem noch über die Straßengemeinschaften.

Erstaunlicherweise ist die Jugend anderer Meinung über die Lobbericher City. Der 16-jährige Sebastian Dargel findet sie "cool". "Das ist ein schönes Örtchen, gemütlich mit viel Flair", findet er. Mit seinen Freunden treffe er sich im Ingenhovenpark, an der Arche oder am Niedieckpark.

Flair hat Lobberich tatsächlich. Für Neuankömmlinge allerdings erst auf den zweiten Blick. Der größte Stadtteil von Nettetal will entdeckt werden. Er wartet zwar mit einer gigantischen Kirche, nicht aber mit einem kompakten Ortskern auf. Hier St. Sebastian, dort das malerische alte Rathaus, da die Alte Kirche und der Weiher, dort die heimelige Fußgängerzone und ein Stück weiter die moderne Ludbach-Passage. Bausünden aus den 1960er- und 1970er-Jahren garnieren die Ecken. Nach einer städteplanerischen Meisterleistung sieht es nicht aus. Eher nach den Versatzstücken einer zufälligen städtebaulichen Entwicklung.

Das sieht Herbert Brust ähnlich. Er beklagt wie die Damen im Café den Niedergang der Innenstadt. "Schauen Sie sich mal den wunderschönen Markt am alten Rathaus an, aber da fehlt das Leben. Ich bin 1961 hierher gezogen. Da hat es mir sehr gut gefallen", sagt der gebürtige Frankfurter. Die Innenstadt habe sich seit 1961 komplett verändert. "Probieren Sie mal, hier Taschentücher zu kaufen", sagt der 82-Jährige. "Werden sie nicht finden. Aber es gibt so viele Friseure, so viele Haare kann ich mir gar nicht schneiden lassen."

Für den täglichen Bedarf und darüber hinaus wird man allerdings gut fündig. Über zu wenig Leben und Geselligkeit will sich Gastwirt Schatten nicht beklagen. "Wir haben eine gemütliche Fußgängerzone, viele Vereine. Zu mir kommen gut 50 Kegelclubs." Überhaupt der Karneval. Da spüre man noch am ehesten die Rivalität der Ortsteil. "Wir sind Karnevalshochburg, ganz klar", sagt Schatten selbstbewusst. Man wird ja wohl mal kurz die Vorurteile pflegen dürfen.

Quelle: RP
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