| 00.00 Uhr

Nettetal
Mehr Rücksicht auf ein Leben im Rollstuhl

Nettetal. Die 23-jährige Kaldenkirchenerin Judith Bahrs sitzt im Rollstuhl und studiert in Köln. Immer wieder stößt sie dabei auf Probleme. In den USA hat sie nun einen anderen Umgang mit Behinderten erlebt Von Heinz-Willi Schmitz

Judith Bahrs ist 23 Jahre alt. Sie kommt aus Kaldenkirchen und studiert im zweiten Semester in Köln soziale Arbeit, im Juli schreibt sie Klausuren. Judith Bahrs ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Und trotz vieler Bemühungen ist es bisher nicht gelungen, in Köln eine Wohnung zu finden.

An den Studientagen, montags bis donnerstags fährt sie jeden Tag mit dem Taxi - hin eineinhalb Stunde, zurück ebenfalls eineinhalb Stunden. Aber nur, wenn auf der Autobahn in Köln und Umgebung nicht so viel los ist. Sonst dauert es länger. Der Landschaftsverband Rheinland zahlt das Taxi.

Seit zweieinhalb Monaten wird mit den zuständigen Stellen über eine Assistenz für Judith Bahrs verhandelt, bisher gab es Ablehnung. Dabei hat die Familie bereits jemanden gefunden, der die 23-Jährige unterstützen und in Köln bleiben würde. So wäre Judith unabhängiger und könnte außerhalb der Vorlesungen auch noch weitere Fortbildungen besuchen.

Dass es auch anders geht, weiß Judith Bahrs aus eigener Erfahrung und von einem Aufenthalt in den USA. Sie fuhr alleine dorthin - ohne eine ständige Begleitung. Vom Flughafen Düsseldorf ging es nach Los Angeles.

In den USA sei innerhalb von drei Stunden in der Schule eine Rampe errichtet worden und man habe sich darum bemüht, dass sie die Küche habe benutzen können. "Nur für Dich", betonten die Verantwortlichen. "Du sollst den schönsten Sommer Deines Lebens erleben! Wir wollen, dass Du wiederkommst!"

In allen WCs gab es auch Behindertentoiletten. Nicht abgesondert wie in Deutschland üblich. Wie selbstverständlich verfügen viele Geschäfte über Umkleidemöglichkeiten für Behinderte. Die Geschäfte haben spezielle Zeichen dafür. "Ich konnte alleine shoppen. Da fiel mir ein, dass in Deutschland eine Universität bei einem Antrag auf behindertengerechte Einrichtungen darauf hingewiesen habe, das ginge nicht, das Gebäude stünde unter Denkmalschutz."

Die Hilfsbereitschaft in den USA sei sehr groß gewesen. Die entsprechenden Gesetze würden umgesetzt. Museumsbesuche seien beispielsweise kein Problem. Wünsche seien erfüllt worden. "Selbstverständlich kommst Du nach Hollywood hoch und auch Las Vegas wirst Du erleben," sagte man ihr und half dabei.

Sie wohnte in einem Appartement der Schule, kam dort sonntags nachts an, nichts zu essen oder zu trinken, kein Geschäft in der Nähe. Der Hausmeister besorgte am nächste Tag alles, was notwendig war. In der Schule wurde "ihre Klasse" sofort nach unter verlegt. Mitschüler halfen ihr, damit sie ein Baseballspiel besuchen konnte.

Behindertenparkplätze würden generell nicht von Nichtbehinderten benutzt. In Deutschland müsse sie dies leider immer wieder feststellen und leider habe sich die Hilfsbereitschaft von Geschäftsinhabern oder der Polizei hier sehr in Grenzen gehalten. Der Abschied in Amerika war schwer. Viele Tränen flossen von allen Lehrern und allen Schülern. "A native american speak" wurde Judith Bahrs bescheinigt, also der Hinweis, man habe kaum erkennen können, dass sie keine Amerikanerin sei. Sie sollte auf jeden Fall wiederkommen. Und das will sie wohl auch.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Nettetal: Mehr Rücksicht auf ein Leben im Rollstuhl


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.