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Nettetal
Missionare nehmen Flüchtlinge auf

Nettetal: Missionare nehmen Flüchtlinge auf
Im Haus der Steyler Missionare an der Bahnhofstraße in Kaldenkirchen leben künftig 60 Flüchtlinge. "Die Frage nach der Religion stellen wir nicht", unterstreicht Hausoberer Ivan Lobo. FOTO: Burghardt
Nettetal. An der Bahnhofstraße in Kaldenkirchen sind Räume der Ordensleute umgestaltet worden. Die Missionare haben den größten Teil ihrer Tätigkeiten nach St. Augustin verlagert und damit reichlich Platz in ihren Gebäuden. Von Joachim Burghardt

Schüchtern sind sie, fast scheu. Alles ist neu und fremd für die beiden Jungen auf der Bettkante. Sie drücken Kissen an sich, als wollten sie sich festklammern und als hätten sie endlich etwas zum Festhalten. Das ist etwas nach Wochen der Entbehrungen. Dazu haben sie ein Dach überm Kopf, was zu essen. Menschen sind freundlich, sie kümmern sich um die Jungen. Sie gehören zu ersten Flüchtlingen im Gebäude der Steyler Missionare. Noch sind nicht alle Zimmer hergerichtet, noch wird gewerkelt, doch nach und nach werden weitere Flüchtlinge einquartiert - die Zeit drängt.

"Wir bekommen neue Zuweisungen von Flüchtlingen, die wir unterbringen müssen", erklärt Ina Prümen-Schmitz, Leiterin des Fachbereichs Soziales. Lange schon spürt die Stadt weitere Quartiere auf, um Menschen auf die Stadtteile zu verteilen. In Kaldenkirchen leben sie zum Beispiel bald in einem leerstehenden Gebäude der Firma Terratec - und im Haus der Steyler Missionare an der Bahnhofstraße.

Flüchtlinge und ein Missionsorden - das scheint zu passen. "Weil die Gebäude leer standen, wollten wir sie gern für Flüchtlingsfamilien zur Verfügung stellen", erzählt Ivan Lobo. Der Hausobere der Steyler Niederlassung skizziert, wie es dazu kam: Die meisten Abteilungen des Steyler Presseapostolats seien zur deutschen Hauptniederlassung, dem Provinzialat in Sankt Augustin umgezogen. Im Haus mit Anbau zur Bahnhofstraße hin wohnte und arbeitete niemand mehr, die verbliebenen Ordensleute und Mitarbeiter finden Platz an der Rückseite.

Nach Gesprächen mit der Stadt waren sich beide Seiten einig: Bis zu 60 Menschen könnten untergebracht werden - theoretisch. Praktisch gab es viel zu tun: Renovieren, Brandschutzauflagen umsetzen, einen Notausgang einbauen, Verhandlungen über Regularien wie Mietvertrag zwischen Stadt und Ordenszentrale. Das zog sich hin.

"Aber jetzt sind wir froh, dass das Meiste fertig ist und die ersten Flüchtlinge einziehen können", gibt sich Prümen-Schmitz erleichtert. Allerdings ging auf einmal alles so schnell mit neuen Zuweisungen, dass bis jetzt nicht einmal Zeit blieb, die Anwohner zu informieren. So hat eine mehrköpfige syrische Familie bereits Quartier an der Bahnhofstraße bezogen.

Die neuen Bewohner hat Pater Lobo schon begrüßt: "Wenn die Menschen erzählen, warum sie fliehen mussten, was sie durchgemacht haben, das lässt einen nicht los, raubt einem den Schlaf", deutet er seine Empfindungen an. Kindern mit zerschundenen Füßen von tagelangen Märschen zu begegnen, das müsse man erst mal verarbeiten.

Immerhin kann sich Lobo verständigen. Der gebürtige Inder spricht einigermaßen Urdu und andere Sprachen des asiatisch-arabischen Raumes. "Natürlich möchten wir gern helfen", sagt der Pater: Für einen Ordensmann, für einen Christen, ja für jeden müsse es doch selbstverständlich sein, sich um Menschen in Not mit zu sorgen. "Die Frage nach der Religion stellen wir nicht, es geht doch einfach nur um die Menschen, die zu uns kommen", meint der Missionar.

Laut Lobo wollen sich die Steyler Missionare "zusammen mit den freiwilligen Helfern aus Kaldenkirchen mit um die neuen Flüchtlinge kümmern". Im städtischen Fachbereich Soziales wäre man sehr froh, wenn sich die Steyler Missionare mit ihren Möglichkeiten in die Flüchtlingsarbeit einbrächten. Erste Schritte scheinen gemacht: Als die beiden Jungen Pater Lobo sehen, stehen sie vom Bett auf. Sie begrüßen ihn, die drei verständigen sich mit Händen und Füßen, Vertrauen keimt auf. Die jungen Flüchtlinge scheinen allmählich angekommen zu sein in Kaldenkirchen und wirken nicht mehr ganz so schüchtern und scheu.

Quelle: RP
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