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Nettetal
Mit Chats und Selfies in die Katastrophe schlittern

Nettetal: Mit Chats und Selfies in die Katastrophe schlittern
Glaubwürdig mimten die Darsteller die jugendlichen Protagonisten - hier Philip Butz als Kian und Viviane Vanessa Eggers als Anouk. FOTO: Busch
Nettetal. Die Welt der Eltern bleibt außen vor. Sie ist allenfalls stimmlich präsent in Esther Rölz' Jugendstück "4YourEyesOnly". In der Werner-Jaeger-Halle in Lobberich zeigte das Westfälische Landestheater mit Carola von Seckendorffs Inszenierung des Schauspiels eine packend explosive Parabel über Cybermobbing und mangelnde Medienkompetenz.

Erzählt wird die Geschichte von drei Jugendlichen, die auf grausame Weise vernichtende Auswirkungen von Chats, Selfies und Likes erfahren müssen. Laptop und Handy sind während der Aufführung permanent präsent, Computerwelt und Realität fließen bis zur finalen Katastrophe zusehends ineinander über. Das Spiel ist expressiv, oft explosiv, lässt aber auch Raum für behutsame Momente, wie etwa in Gesten, die die unsichtbare Wand zwischen zwei jungen Menschen aufzubrechen scheinen.

Jeremias Vondrliks Ausstattung deutet mit einem leicht spitz zulaufenden Wandelement zwei Jugendzimmer an. Gestützt von der Beleuchtung entsteht die Illusion räumlicher Trennung, die jedoch während der Aufführung immer häufiger aufgebrochen wird. Die drei Darsteller Maximilian von Ulardt, Philip Butz und Viviane Vanessa Eggers strahlen eine Jugendlichkeit aus, die für die anvisierte Zielgruppe von 13 Jahren an aufwärts glaubwürdig wirkt.

Der jugendliche Jargon ist charakteristisch getroffen, dabei zuweilen recht kernig bis heftig. Eggers gibt überzeugend Anouk, die über Cybermobbing vom angesagten Mädchen zum Opfer anonymer Angriffe und Demütigungen wird. Einfühlsam mimte sie das Ausloten von Gefühlen, jugendlichen Überschwang und explosiv die verzweifelte Wut über die Vernichtung ihrer Persönlichkeitssphäre. Philip Butz mischt in die Darstellung des Kian anschaulich vordergründige Lockerheit mit unbedachter Sorglosigkeit, die von Eifersucht getrieben zunächst in Grausamkeit und schließlich in ein fassungsloses Grauen umschlägt. Die Figur des Außenseiters Sven, der in seiner Verehrung für Anouk offener, dann aber doch Opfer aufgestauter Emotionen wird, wurde von Maximilian von Ulardt überzeugend gespielt.

Das junge Publikum verfolgte gebannt das Geschehen auf der Bühne. Kians lockeres Auftreten wurde mit amüsiertem Lachen quittiert. Anouks provokant pornographisch angehauchter Verzweiflungstanz löste Reaktionen von staunender Zurückhaltung bis hin zum verlegenen Grinsen und Klatschen aus. Als Anouk ihre Wut rauschrie und die Bühne in Richtung Zuschauer verließ, breitete sich spürbare Unruhe aus. Natürlich gab es auch ein, zwei "Coole", die den verzweifelten Griff des Mädchens zur Schnapsflasche mit "Ex, ex, ex" kommentierten.

Auf dem Heimweg diskutierten manche das aufwühlende Ende: Anouk droht unter "4YourEyesOnly" den Selbstmord an, greift tatsächlich zum Messer und bricht schließlich blutverschmiert im wilden Tanz in Svens Zimmer ein. "Da ist ja nichts von einem Happy End. Sie kommt wieder als Svens Trauma", war da etwa zu hören.

(anw)
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