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Nettetal
"Not war unser ständiger Gast"

Nettetal. Pfarrer Matthias Engelke erzählt in einem Vortrag die Geschichte der Evangelischen Christen in Hinsbeck.Nach dem Krieg kamen viele Flüchtlinge und Vertriebene – eine Herausforderung für die noch junge Gemeinde. Von Eberhard Lange

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Hinsbeck nur zehn evangelische Familien. Die meisten Männer arbeiteten als Zollbeamte – und waren schon deshalb bei den katholischen Hinsbeckern unbeliebt. Denn die lebten wie alle Menschen im Grenzraum seit einigen Generationen vom Handel und vom Schmuggel mit und von Venlo. Die "Evangelischen Christen in Hinsbeck" beschäftigten unlängst der VVV-Gesprächskreis "Hänsbäcker Jüüte vertälle". Referent war Pfarrer Dr. Matthias Engelke.

Der mochte seinen Vortrag nicht auf Hinsbeck beschränken. Die umliegenden Ortschaften hätten nach Kriegsende eine vergleichbare Entwicklung genommen, sagte er. In Lobberich gab es seit 1885 die evangelische Kirche an der Elisabethstraße. Dorthin orientierten sich Breyeller und Hinsbecker eher als zu den viel älteren Gemeinden in Kaldenkirchen und Bracht.

Dunkler Fleck der Historie

Engelke hatte einige Originalquellen, wie das Protokollbuch von 1929 bis 1965 des Presbyteriums herangezogen. Dabei stieß er auf einen dunklen Fleck in der Gemeindehistorie. Kurz vor dem Weltkrieg hatte ein Predikant Carl Koch die Gemeinde in Lobberich geleitet.

Er sympathisierte stark mit dem NS-Regime, begrüßte 1937 die Einführung der national-sozialistischen deutschen Gemeinschaftsschule in Lobberich "aus völkischen und erzieherischen Gründen". Koch war auch SA-Scharführer. Mit Kriegsbeginn verschwand Koch aus Lobberich. Er hatte vergeblich versucht, hier eine Pfarrstelle zu bekommen, was die Kirchenleitung jedoch stets verhinderte.

1940 fand erstmals Pfarrhelfer Paul-Wilhelm (Pa-Wi) Schmidt Erwähnung. Nach dem Kriegsdienst war er wieder Pfarrverwalter für Lobberich, Breyell und Hinsbeck. Schmidt wurde zum Baupastor. Am 22. Mai 1944 zählte er in seinem Sprengel 420 evangelische Christen, 1948 waren es 3100 – Heimatvertriebene und Flüchtlinge kamen in Scharen nach Nettetal. "Wir wussten nicht, wie Gemeinde zu gestalten war. Die Not war unser ständiger Gast", schrieb Schmidt später.

1949 erhielt Hinsbeck eine evangelische Schule, Breyell 1951 am Schellberg gebaut. Schmidt und der katholische Dechant Werth arbeiteten eng zusammen. In Hinsbeck bot Pfarrer Rulands den evangelischen Christen das Jugendheim und die Pfarrkirche an. In Lobberich stand die Alte Kirche zur Verfügung, doch das lehnte das Presbyterium stets ab.

Hinsbecks Gemeindedirektor Matthias Janßen ebnete den Weg für den Neubau an der Parkstraße. Lobberichs Gemeindedirektor Smeets verhinderte, dass die Kirche am Standort des heutigen Gymnasiums gebaut wurde. Er sorgrte dafür, dass der alte Kirmesplatz an der Jahnstraße Bauplatz wurde. "Auch dieser Standort war aus heutiger Sicht genau richtig", lobte Engelke.

Quelle: RP
 
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