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Nettetal
Sankt Martin geht in den Ruhestand

Nettetal: Sankt Martin geht in den Ruhestand
Klaus Pötzsch (links) reitet am Wochenende zum letzten Mal als Sankt Martin in Kaldenkirchen. Karl Otten, der unlängst die urkunde zu seinem Diamantenen Berufsjubiläum erhielt, zieht sich ebenfalls zurück. FOTO: Burghardt
Nettetal. Nach 30 Jahren verabschiedet sich Klaus Pötzsch von seiner Aufgabe im Martinszug. Der Schneider des St. Martin, Karl Otten, hört ebenfalls auf. Er hat 50 Jahre darauf geachtet, dass der Mantel immer in tadellosem Zustand war. Von Joachim Burghardt

So etwas passiert ihm immer wieder, das ganze Jahr hindurch: "Da fragen mich schon mal Kinder, ob ich nicht der bin, der den Sankt Martin spielt", erzählt Klaus Pötzsch und schmunzelt: "Denen sage ich immer, ich spiele nicht den Sankt Martin, ich bin der Sankt Martin." Und das meint er durchaus ernst - noch. Denn damit ist bald Schluss. Überhaupt ist in diesem Jahr vieles anders beim Martinszug in Kaldenkirchen - Abschiede, neue Wegstrecke, keine Bettler-Szene.

Seit 30 Jahren "ist" Pötzsch der Sankt Martin von Kaldenkirchen. "Das ist eine ganz schöne Verantwortung. Mir ist es wichtig, die Tradition aufrechtzuerhalten und das christliche Brauchtum pflegen", sagt der Kaldenkirchener mit großem Nachdruck. Dabei macht er nicht in Nostalgie, sondern sieht die Geste, wie der römische Soldat irgendwo in Frankreich seinen Mantel mit dem Bettler teilt, als ein "wunderbares Symbol des Miteinanders", das in jede Zeit passe.

"Gerade jetzt, da so viele Flüchtlinge zu uns kommen, ist das Zeichen des Teilens ganz aktuell", meint Pötzsch. Hilfsbereitschaft, Solidarität, Willkommenskultur - dafür stehe doch das Martinsfest. Umso mehr bedauert er, dass ausgerechnet bei seinem letzten Ritt als Martin in Kaldenkirchen die Bettler-Szene wegfalle. Enttäuscht darüber ist auch einer, ohne den der Kaldenkirchener Martin nicht jedes Jahr so schmuck gekleidet daherritte - Karl Otten: "Die Mantelteilung gehört einfach dazu!"

Der Schneidermeister kümmert sich seit genau 50 Jahren um den Mantel und all die Utensilien von Sankt Martin. Er holt sie nach dem Ritt an der Spitze des Laternenzuges ab, untersucht sie nach Schäden und flickt zur Not Stellen, die kaputtgegangen sind: "Vor allem, wenn der rote Samt feucht geworden ist, muss er gut gepflegt werden", erklärt er seine Sorgfalt. Otten freut sich über den Besuch von Pötzsch: "Sankt Martin bei mir im Wohnzimmer!", scherzt er.

"Ich werde bald 90, es wäre wohl vernünftig, jetzt aufzuhören", meint Otten. Als Schneider wurde er gerade mit dem "Diamantenen Meisterbrief" ausgezeichnet. Also müsse ein anderer Schneider oder eine Schneiderin her, darüber solle man sich mal im Ort Gedanken machen. Gern würde Otten mitberaten, aber: "Ich bin in all den Jahren nie vom Organisationsteam des Martinsfestes zu Besprechungen eingeladen worden." Vermutlich sei man einfach davon ausgegangen, dass er selbstverständlich seinen Dienst verrichte.

Diesem Organisationsteam - in Kaldenkirchen gibt es keinen Martinsverein - gehören Vertreter der Kindergärten, der Schulen und etlicher Vereine sowie des Feuerwehr-Löschzuges an. In diesem Jahr musste ein neuer Zugweg her, das Feld an der Spitalstraße/Zur Lärche steht nicht zur Verfügung, stattdessen geht's nun zum Schützenplatz am Juiser Feld. "Leider geht's nicht am Altenheim vorbei, das hätte die Bewohner sicher gefreut", merkt Pötzsch an.

Weil der Platz mit dem Martinsfeuer diesmal kleiner sei, hätte man für die Bettler-Szene auch die Straße in Anspruch nehmen müssen. Doch die könne "aus verkehrstechnischen Gründen nur kurzzeitig für den Zug gesperrt" werden, heißt es. So wird der letzte Ritt des 63-Jährigen, der öfter schon gesagt hatte, 30 Jahre seien genug, ohne Mantelteilung enden.

"Sehr schade", seufzt Pötzsch, der vor 30 Jahren nach über zehn Jahren Dienst als Knappe das Amt von seinem Vorgänger Leo Bontenackels übernahm. Traditionell sei der Martins-Darsteller immer ein Mitglied des Reitervereins Kaldenkirchen, der früher auch das Ross stellte. Mittlerweile würden eigens geschulte Tiere geliehen: "Ich weiß manchmal gar nicht, wie mein Pferd heißt." Dafür weiß er, wer im nächsten Jahr als Martin reiten wird: "Stefan Cappel, jetzt noch als Knappe dabei, wird das Amt übernehmen." Pötzsch wird als Knappe weitermachen, "zusammen mit dem bewährten Kollegen Hans Halberkamp".

So wird Pötzsch am Freitag zum letzten Mal als Sankt Martin hoch zu Ross durch Kaldenkirchen reiten und sich freuen, wenn "die Kinder mich mit großen Augen anschauen". Wenn sie ihn hinterher fragen, ob er nicht der sei, der den Sankt Martin spiele, dann muss er künftig antworten: "Ich spielte nicht den Sankt Martin, ich war der Sankt Martin."

Quelle: RP
 
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