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Nettetal
Schatzsucher in der Krypta der Kirche

Nettetal: Schatzsucher in der Krypta der Kirche
Es gab viel Gesprächsbedarf bei den Zuhörern in der Alten Kirche nach dem Vortrag von Professor Hubert Wolf (rechts) über "Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte". FOTO: Burghardt
Nettetal. Professor Hubert Wolf berichtete über seine kirchengeschichtlichen Forschungen und überraschende Erkenntnisse. Von Joachim Burghardt

Typisch katholisch: "Verheiratete Priester und von Laien gewählte Bischöfe" nannte Hubert Wolf als Beispiele für eine lebendige Kirche, wie sie einst war. Sie könnte heute wieder so sein, sie ist es aber eben nicht. "Krypta - Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte" hieß der überraschend aktuelle Vortrag des Kirchenhistorikers aus Münster in der Alten Kirche in Lobberich. Rund 100 Zuhörer waren gebannt und beeindruckt, ließen sich anschließend auf eine lebhafte Diskussion mit dem Theologen ein.

"Den Keller der Kirche entrümpeln" werde Professor Wolf, kündigte Bastian Rütten vom Team Alte Kirche bei der Begrüßung an. Der Redner selbst formulierte es etwas dezenter: "Es lohnt sich, in die Krypta hinabzusteigen, dort sind Schätze, die wir entdecken können." Den Begriff Krypta, wie üblicherweise der Raum unterm Altar einer Kirche genannt wird, verstand und verwendete Wolf symbolisch als Ort, an dem manches an Traditionen, die heute modern wirken, "verschüttgegangen" sei.

Eine Spurensuche also, auf sich der Wissenschaftler begab. Entdeckt hatte er Beispiele, die heute von fortschrittlichen Christen als zeitgemäße Reformen der Kirche gefordert - und von Traditionalisten als unkirchlich abgetan werden. Wolf mahnte zur Besonnenheit: Reform und Traditionen bedingten sich gegenseitig.

Es wäre ein Leichtes gewesen für den Redner, harsche Kritik an Zuständen der Kirche zu üben, ja sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Doch genau das unterließ er: Sein Anliegen war, deutlich zu machen, wie Entwicklungen und Fehlentwicklungen oft geprägt sind von Zeitgeist, Eitelkeiten, Machtgerangel. So führte er die in der Kirche lange verpönten Prinzipien der Menschenrechte und der Gewissensfreiheit an, die erst vom jüngsten Konzil rehabilitiert und anerkannt worden seien. Zum Amt des Bischofs erinnerte Wolf an Zeiten, in denen Bischöfe gewählt wurden oder Äbtissinnen wie Bischöfe geweiht wurden, Pfarreien errichteten und Seelsorger einsetzten: Erst im 20. Jahrhundert war Schluss damit. In der Kirche wollte man Argumente für eine Priesterweihe von Frauen vom Tisch fegen.

Locker und humorvoll, mitunter süffisant, aber nie sarkastisch schwäbelte der aus Baden-Württemberg stammende Theologe über die Kriterien, die heute in der Kirche als Voraussetzung für die Ernennung zum Bischof gelten. Marianisch-fromm und stets priesterlich gekleidet müsse solch ein Mann sein. "Es wird nirgendwo danach gefragt, ob er Leitungskompetenz hat, Teamgeist und ob er gut predigen kann", bemängelte Wolf. In den Anfängen der Kirche, etwa am Ende des 1. Jahrhunderts, galten andere Kriterien: Ein Bischof soll "ein Mann ohne Tadel sein, nur einmal verheiratet" und "ein guter Familienvater", zitierte Wolf aus dem 1. Timotheus-Brief im Neuen Testament. Verheiratete Priester, die gebe es auch heute, etwa in den mit Rom unierten Ostkirchen; und manche dieser Seelsorger seien in deutschen Bistümern im Einsatz. Vielleicht entwickle sich da eine Tendenz.

Wer heute über Kirche redet, kommt am Papst nicht vorbei. So auch Wolf: Ein bescheidener Lebensstil, Kritik an Machtgier in der Kurie und der Wille zu Reformen seien typisch für einen gescheiterten Papst - Hadrian VI. im 16. Jahrhundert. Danach habe Luthers Reformation zur Kirchenspaltung geführt. Auch der heutige Papst sei "kein Mann der Kurie", vielmehr "ein Seelsorger". In diesem Jahr werde er Entscheidungen für eine Erneuerung der Kirche, zu einer Rückbesinnung auf verschüttete Traditionen treffen müssen, so sehr er geleitet sei vom Prinzip der Barmherzigkeit. Wolf gab sich da zuversichtlich: "Der Papst ist kein Softie!"

Angst freilich müsse man nicht haben in der Kirche, meinte Wolf im Gespräch mit Zuhörern, darunter viele evangelische Christen. Bei aller Diskussionen um Reformen, um die "Schätze in der Krypta der Kirchengeschichte" eben, gelte immer das Wort Jesu: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen."

Quelle: RP
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