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Nettetal
Schlichten statt richten

Nettetal: Schlichten statt richten
Die Streitschlichter beim Rollenspiel: Anna und Katharina (links) streiten sich, Tim und Alina (rechts) versuchen, zu vermitteln. Der Rest der Gruppe beobachtet und gibt nachher eine Bewertung ab. FOTO: Busch
Nettetal. An der Realschule Kaldenkirchen schlichten seit vergangenem Jahr Schüler Streitereien unter Mitschülern. Die Streitschlichter arbeiten im Schichtdienst in den Pausen und haben einen eigenen Streitschlichter-Raum. Von Julia May, Gleon Hütter und Laura Schameitat

Anna und Katharina haben Streit. Es geht um Annas Schuhe. "Die sind voll hässlich", sagt Anna. Katharina schaut auf ihre Füße. "Das stimmt doch gar nicht", erwidert sie. Tim greift ein. "Versetzt euch doch mal beide in die Situation des jeweils anderen", sagt er. Anna und Katharina werden still. "Es ist doch besser, wenn ich ihr meine Meinung direkt ins Gesicht sage, als wenn ich hinter ihrem Rücken lästere", verteidigt Anna ihr Verhalten.

Tim Königshofen ist angehender Streitschlichter an der Realschule in Kaldenkirchen. Einmal pro Woche bleibt der Achtklässler freiwillig länger in der Schule, um zu lernen, wie man Konflikte zwischen Mitschülern lösen kann. "Wichtig ist es, dass man den Streitenden zunächst die Regeln für das Gespräch erklärt", sagt Tim. Die hängen auch auf bunten Schildern an der Wand im Streitschlichter-Raum. "Ausreden lassen", "Nicht beschimpfen" und "Zuhören" steht da.

Immer unparteiisch

Lehrerin Sandra Wagner betreut das Streitschlichtungs-Projekt an der Schule. "Es ist wichtig, dass beide Parteien ihr Gesicht wahren können. Die Streitschlichter sollten deshalb immer unparteiisch bleiben und keine Urteile fällen", erklärt sie. In der Streitschlichter-Ausbildung, die sich immerhin über ein ganzes Jahr hinzieht, lernen die Schüler das anhand von Rollenspielen. Dass die sehr realistisch sind, hat Wagners Kollegin Elke Teneyken-Wintzen am eigenen Leib erfahren. Sie erinnert sich: "Während der Fortbildung, die wir besucht haben, bin ich bei einem Rollenspiel sogar einmal in Tränen ausgebrochen, weil ich nicht mehr aus meiner Rolle rauskam", erzählt sie lachend.

Wenn Tim die Ausbildung abgeschlossen hat, wird er im Schichtdienst in den Pausen zusammen mit einem weiteren Streitschlichter streitenden Mitschülern als Ansprechpartner dienen. Dafür haben die Schüler extra einen Raum hergerichtet.

Michelle Jacobs und Sabrina Werner haben die Ausbildung bereits abgeschlossen. Dass sie ihre große Pause für den Streitschlichterdienst opfern müssen, macht ihnen nichts aus. "Wir helfen doch gerne und es macht auch Spaß", meint Michelle. Und Sabrina ergänzt: "Es ist ja auch schön, in den Pausen in einem warmen Raum zu sitzen und außerdem habe ich durch das Projekt neue Freunde gefunden."

Bis jetzt haben die Streitschlichter durchweg positive Erfahrungen gemacht. "Nur einmal gab es einen Problemfall, da mussten wir das Treffen noch einmal wiederholen. Wenn das auch nichts bringt, dann können wir einen Lehrer dazu holen", sagt Nils Hansen. Das soll aber die absolute Ausnahme bleiben, sagt Sandra Wagner. "Es ist wichtig, dass die Schüler Schülern helfen, eine Lösung zu finden, bei der keiner verliert. Lehrer spielen zu sehr den Richter."

Quelle: RP
 
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